Bericht von Karin Ludwig aus dem Friedenslager 2006 in Jordanien

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Dass die arabischen Länder immer einiges an Überraschungen zu bieten haben, weiß ich mittlerweile, aber das diesjährige Friedenscamp - das nunmehr dritte, an dem ich teilgenommen habe - hat alles bisher dagewesene in den Schatten gestellt. Nach ein paar Tagen in Beirut fuhr ich per Bus mit einigen der libanesischen Betreuern und Lagerleiter Stefan Maier von der Caritas Salzburg über Syrien nach Jordanien; diese Reise stellte sich als relativ unproblematisch dar, da die Geheimdienstler an der syrisch-jordanischen Grenze uns aufgrund diverser Empfehlungsschreiben wohl für ziemlich ungefährlich hielten.
Das Wochenende verlief harmonisch mit diversen Vorbereitungsarbeiten: das eingespielte Team übte sich im Basteln und Anmalen diverser Dekorationsgegenstände, bis die jemenitische Gruppe als erste der teilnehmenden Delegationen nach einem wahren Reisemarathon am Montag, den 10. Juli in der Früh bei uns ankam.

Schneller als vorhergesehen trafen auch die jordanischen Kinder ein, und Anna (die zweite österreichische Freiwillige) und ich übten uns im Kinder-zu-ihren-Betten-Zuteilen, was sich wie immer als schwierig herausstellte, als diverse Mädchen mit Schrecken feststellten, dass es sich bei ihren Bettnachbarinnen um keine Landsmänninnen handelte. Da trocknet man zu Beginn schon mal Tränen des Entsetzens - aber was tut man nicht alles im Namen der Völkerverständigung, wenn man genau weiß, dass drei Wochen später die vorher einander misstrauisch gestimmten Mädchen sich, vor Trennungsschmerz weinend, in den Armen liegen werden? Da sieht man wieder einmal, was drei Wochen gelebte Gemeinschaft alles bewirken können, wenn man nur ein bisschen nachhilft...

Die Hiobsbotschaft vom Kriegsausbruch im Libanon erreichte mich per Fernseher. Als ich am Bildschirm den bombardierten Flughafen in Beirut sah, dachte ich zunächst an einen schlechten Scherz. Wenige Tage zuvor war ich dort gelandet und sollte am 15. August auch von dort wieder zurückfliegen. Was das ganze Geschehen aber so hautnah an uns herantrug, war die Betroffenheit der libanesischen Teammitglieder, deren Heimat in ihrer Abwesenheit immer mehr einem Schlachtfeld glich. Alles andere rückte mit einem Mal in den Hintergrund angesichts dieser Katastrophe, der jeder hilflos gegenüberstand (außer der ewig telefonierende und Katastropheneinsätze koordinierende Stefan).

Deswegen an dieser Stelle ein riesengroßes Kompliment an die am Lager beteiligten Libanesen: ihr wart spitze und ich bewundere euer Durchhaltevermögen und euren guten Willen, den ihr selbst unter widrigsten Umständen unter Beweis gestellt habt! Vor allem die Aufgabe, die schreckliche Nachricht vom Krieg vor den betroffenen Kindern drei Wochen geheim zu halten, damit diese ein unbeschwertes Ferienlager verbringen können, habt ihr bravourös gemeistert. Hut ab! Natürlich gab es Tränen, besorgte Anrufe, Rückkehrgedanken, aber durchgehalten habt ihr bis zum Schluss, auch wenn euch die Anstrengung oft anzumerken war und die Leichtigkeit früherer Friedenslager einer etwas bedrückenden Atmosphäre Platz machen musste.

Durch die Gestaltung des österreichischen Nationalabends zusammen mit Anna hatte ich das Gefühl, so richtig etwas zum Lagerprogramm beizutragen - also hat es sich gelohnt, dass sich eine eingefleischte Trachtengegnerin ein Dirndlkleid hat schneidern lassen, um den Kinder im Nahen Osten einen Hauch Alpenexotik zu bieten! Obwohl ich zugeben muss, dass es einiges an Überwindung kostet, vor einem etwas irritierten Publikum einen Behelfsjodler hinzulegen. Aber darum geht es schließlich auf diesem

Sehr zu Bewusstsein gekommen ist mir (aufgrund meiner Beschäftigung mit Vorurteilen bezüglich Straßenkindern), welche Vorbehalte der Durchschnittseuropäer gegenüber Irakern oder Palästinensern hat, wenn er keine kennt! Wer aber am Lager teilnimmt und Kinder wie Mario oder Fadi erlebt, der wird verstehen, dass in den arabischen Ländern nicht nur religiöse Fanatiker, sondern vor allem auch Kinder leben, die genauso wie die unseren ein Recht auf Zukunft haben; der wird verstehen, dass der Orient als Feindbild genauso eine Konstruktion ist wie der Orient als ein Märchen aus 1001 Nacht. Was wir alle brauchen, wäre ein bisschen mehr Realität, ein bisschen mehr Begegnung, ein bisschen weniger Angst voreinander.

Deswegen bin ich persönlich stark dafür, gerade in Zeiten wie diesen, in denen sich die Fronten verhärten und damit leider auch die Menschen, dass eine Initiative gestartet wird, die arabisch-europäische Kontakte fördert und ein Zeichen für den Frieden setzt (wie genau, weiß ich leider noch nicht so ganz), ganz im Sinne des Caritas-Friedenslagers: ins Wasser fällt ein Stein, aber wir unbeugsamen Campteilnehmer wissen ja tief in uns drinnen, dass auch noch so kleine Steine weite Kreise ziehen!

Karin Ludwig
Österreichische Freiwillige beim Caritas-Friedenslager in Jordanien 2006 

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Bericht von Annerose Dünser aus dem Friedenslager 2010 in Ägypten

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Per Zufall entdeckte ich im Vorarlberger Kirchenblatt einen kleinen Artikel über das Internationale Nahostfriedenscamp der Caritas 2009 im Libanon und las auch vom geplanten Camp in Ägypten. Es faszinierte mich, dass es ein so internationales Camp war und ich spürte sofort, dass das etwas für mich sein könnte. Daher setzte ich mich mit Stefan Maier, dem Leiter der Caritas Auslandshilfe in Salzburg, in Verbindung und wir vereinbarten ein Treffen in Salzburg, bei dem er mir Hintergründe und viele Informationen über das Camp gab. Er entschied auch, dass ich als freiwillige Volontärin am Camp teilnehmen darf und ich freute mich riesig über diese große Chance so viel Neues zu erleben und zu entdecken.

Am 12. Juli 2010 war es dann so weit: Ich flog nachts von München nach Kairo und machte gleich meine erste Erfahrung mit der zuvorkommenden Gastfreundschaft der Ägypter. Es war nämlich so, dass ich in München einem älteren Ehepaar ein Gepäckstück mitgenommen hatte, weil sie zu viel Gepäck hatten und ich noch genügend Gewicht übrig hatte. So fragten sie mich, was ich denn in Ägypten machen würde und schließlich auch, wie ich von Kairo nach Alexandria komme. Ich wusste es nicht genau und so nahmen sie mich mit dem Auto drei Stunden mit zu ihnen nach Hause, wo ich mein erstes arabisches Frühstück genoss. Mein erster Eindruck auf der Autofahrt war unglaublich - so viele braune Häuser, wunderschöne Kirchen und Moscheen, so viele Menschen auf der Straße, verrückter Verkehr, in dem es keine Regeln zu geben schien außer zu hupen und zu fahren, …

Ich lernte dann in Alexandria gleich die ganze Familie kennen, sie zeigten mir die Stadt und wollten sogar, dass ich während des Camps bei ihnen übernachte. Die Gastfreundschaft ist also wirklich sehr herzlich und offen - ich kenne nicht viele Leute in Österreich, die ein wildfremdes Mädchen spontan einladen würden, drei Wochen bei ihnen zu wohnen. Am Abend brachten sie mich schließlich ins Kloster Tito der Barmherzigen Schwestern, wo ich herzlich empfangen wurde.

Am nächsten Nachmittag kamen die 99 Kinder mit Begleitpersonen aus Libanon, Syrien, Jordanien, Irak, Palästina, Jemen, Ägypten und Sudan im Kloster an. Die Kinder waren im Alter von 10 bis 13 Jahre und zwei Drittel waren Mädchen, ein Drittel Jungen. Diese Vorgabe ist nötig, weil ansonsten nur Jungs auf dem Camp wären - das alleine zeigt schon die Stellung von Mädchen bzw. Frauen. Am ersten Abend erschrak ich als erstes bei der Markierung der gesamten Kleidung der Kinder, weil mir bewusst wurde, dass das wirklich ALLES ist, was die Kinder besitzen und viele Dinge waren neu gekauft von den verantwortlichen und vermittelnden Organisationen. Es war auch der erste Moment, in dem ich mir sehnlichst wünschte Arabisch zu sprechen, um die Kinder kennenzulernen und zu trösten, die das erste Mal in ihrem Leben ihr Land und ihre Familien verlassen hatten. Es war alles neu für sie und besonders die Tatsache, dass nie zwei Kinder von derselben Nation nebeneinander schlafen durften, führte zu Diskussionen. Doch das war ein erstes Mittel, um die Kinder zum Kontakt und zur Kommunikation mit den anderen Teilnehmern der anderen Nationalitäten zu bringen. Ebenso die Einteilung in Teams zu je 10 Kindern, die ebenfalls bunt durchgemischt waren. In diesen Teams aßen wir gemeinsam, verrichteten wir unsere Dienste wie Tisch decken, abwaschen, Tische putzen, etc., hatten gemeinsam Sport, unternahmen Ausflüge und hatten unsere Basteleinheiten.

Die Teams waren auch wesentlich für die Vertiefung der Trainingseinheiten zum Thema Hygiene, friedlichen Umgang miteinander z. B. durch sprachliche Konfliktlösungen, Ausdruck von eigenen Gefühlen, Wertschätzung der anderen Kulturen, Respekt der anderen Religion, und vieles mehr. Wir diskutierten mit den Kindern, gestalteten Plakate, lernten Lieder oder Sketche zu den Punkten, die für die Kinder besonders wichtig waren. Wesentlich war vor allem die anschließende Präsentation von dem, was jedes Team erarbeitet hatte, vor der ganzen Gruppe. Die Kinder sollten dadurch lernen sich und ihre Meinung auszudrücken, selbstbewusst vor einer größeren Gruppe zu sprechen und auch die gelernten Inhalte nochmals zu hören und zu verinnerlichen.

Aus meiner Sicht hat sich dadurch das Verhalten der Kinder sehr geändert. Zu Beginn des Camps gab es viele Konflikte bezüglich Hautfarbe der anderen, Religion und den Vorurteilen gegenüber den anderen und auch Probleme in der Verständigung zwischen den doch sehr verschiedenen arabischen Dialekten. Auf Grund ihres starken Temperamentes wurden auch die Konflikte hauptsächlich mit körperlicher Gewalt ausgetragen. Dies alles veränderte sich grundlegend und am Ende des Camps erkannte man die Kinder fast nicht wieder. 

Eine andere faszinierende Veränderung fand im Sozialverhalten statt. Zu Beginn schaute beim Essen jedes Kind darauf, dass es ja genug zu Essen bekam. Sie nahmen viel mehr, als sie wirklich Hunger hatten - es könnte ja sein, dass es für längere Zeit reichen muss. Doch nach einigen Tagen lernten sie einzuschätzen, wie viel sie essen konnten und sie begannen nicht als erstes auf sich zu schauen, sondern entwickelten einen Blick für die anderen Kinder. Besonders beeindruckt war ich, als ich eines Tages einen Jungen beobachtete, der sah, dass kein Wasser mehr da war. Er stand auf, holte Wasser, schenkte allen anderen Kindern ein und als letztes sich selbst. Damit ahmte er genau das Verhalten von meiner Teamkollegin und mir nach und das hat mich echt berührt und mir gezeigt, dass ich ohne große Worte viel verändern kann.

Die Kommunikation allgemein war für mich in Englisch. Meine Teamkollegin und ein Großteil des Teams sprachen gut Englisch und auch einige Kinder konnten manche Wörter und Sätze auf Englisch. Ich meinerseits erfragte bei jeder Gelegenheit die arabischen Wörter und die Kinder hatten die größte Freude mich immer wieder auszufragen, mir neue Wörter beizubringen und über meine falsche Aussprache zu lachen. Eine besondere Freude war es für mich, als mir eine Ordensschwester lernte meinen Namen in Arabisch zu schreiben. Ich fühlte mich wie ein sechsjähriges Mädchen in der Volksschule, das dauernd fragt, ob dieser Strich so richtig ist.

Ein weiterer wichtiger Punkt im Camp waren die Ausflüge. Wenn die Kinder nach Hause kommen, können sie sagen, dass sie die Pyramiden und die Sphinx gesehen haben, im ägyptischen Museum verschiedenste Statuen, Büsten aus Gold und Schmuck gesehen haben, auf dem Nil mit dem Schiff gefahren sind, in Alexandria in der Zitadelle und der Bibliothek waren, auch im Schwimmbad und am Meer baden waren, in Funparks viel Spaß hatten, im Zirkus Löwen und Tiger gesehen haben, bei McDonalds gegessen haben, … Es war wirklich ein sehr abwechslungsreiches Programm und für die meisten Kinder war dies das erste und einzige Mal in ihrem Leben, dass sie so etwas erlebt haben.

Was mich sehr beeindruckt hat waren die Nationalabende, an denen jede Nation typische Lieder, Tänze, Sketche, … aufführte, ihre Hymne sang und an denen es auch ein Mittag- oder Abendessen aus diesem Land gab - sehr lecker. Es war so schön zu sehen, wie stolz die Kinder auf ihr Land sind, wie sie sich freuen, etwas von ihrer Kultur zu zeigen und auch wie wichtig es ist, dass sie vorne im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen und spüren, dass sie wichtig und anerkannt sind. Der Höhepunkt war dann der Internationale Abend, an dem Sponsoren und Förderer des Camps eingeladen waren. Es gab ein "best of" der Nationalabende auf einer richtigen Bühne und die Sponsoren konnten wirklich die Früchte ihrer Großzügigkeit sehen und wir natürlich die Früchte unserer Arbeit mit den Kindern.

Sehr schwer war nach drei Wochen intensiver Nähe der Abschied für die Kinder. Sie weinten und schliefen zusammen in einem Bett, sie flochten sich nochmals gegenseitig die Haare und die tiefe Einheit und der Friede untereinander war so spürbar. Ein paar Tage nach dem Camp sah ich ein Müllviertel in Kairo und wie die Menschen dort lebten und ich konnte die Tränen der Kinder noch viel tiefer verstehen und nachempfinden.

Es war für mich eine großartige und sehr bereichernde Erfahrung und ich möchte Stefan Maier ganz herzlich für seine Hingabe an diese Kinder und die tolle und jahrelange Arbeit für die Ärmsten der Armen danken. Vergelt’s Gott!

Annerose Dünser                            

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Annerose Dünser im Friedenslager in Ägypten

Bericht von Mirjam Falch aus der Kinderkrippe Damaskus

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"Ahlan wa Salam - Willkommen". Diese aus den Herzen der SyrerInnen gesprochenen Worte sind für mich wie ein Leitfaden, der sich durch meine Zeit hier in Syrien als freiwillige Mitarbeiterin in dem von der Caritas Salzburg finanzierten Projekt der Kinderkrippe für sudanesische Flüchtlingskindern, zieht. Sie stehen für die Gastfreundlichkeit, Großzügigkeit und Herzlichkeit der Bevölkerung dieses so besonderen Landes, reich an Kulturschätzen und wunderschönen - meist kargen -  Landschaften, doch vor allem sind es die Menschen, die meine Zeit hier so prägend für mich gestalten.

Dies gilt im Besonderen für die sudanesischen Flüchtlingskindern, mit denen ich nun seit vier Monaten fünf Tage die Woche arbeiten darf. Sie kommen aus Verhältnissen, wie ich sie vor dieser Reise noch nicht kannte. So besitzen viele von ihnen etwa nur eine Kleidergarnitur, meist viel zu klein und bereits schwer in Mitleidenschaft gezogen, vor allem jedoch zu kalt für den syrischen Winter.

Die Situationen in den Familien ist zumeist sehr schwierig aufgrund all der Probleme und der ungewissen Zukunft denen die Eltern - zumeist arbeitsuchend oder illegale Hilfsarbeiter, sofern beide überhaupt hier sind - täglich ins Gesicht blicken müssen. Den Kindern bleiben all diese Problematiken natürlich nicht verborgen und unsere Aufgabe in der Kinderkrippe besteht somit neben der Gesundheitlichen-, Hygienischen- und Nahrungsversorgung auch vor allem darin ihnen die so benötigte Liebe, Geborgenheit und Wärme zu spenden.

Doch die Kinder selbst sind sehr, sehr starke Persönlichkeiten und entwickeln wirklich von klein auf ihren ganz eigenen Humor; es ist in meinen Augen nach wie vor überaus bewundernswert wie sie ihr Leben allen Schwierigkeiten zum Trotz meistern! Ich darf viel von ihnen lernen, ebenso wie von den sudanesischen Müttern, welche ihren Kindern ein Lebenskonzept bestehend aus purer Lebensfreude - und der Fähigkeit all die Widrigkeiten ihres alltäglichen Lebens über ihre eigenen Kinder vergessen zu können - sowie dem Wissen eine starke Persönlichkeit zu besitzen, vorleben. Dieses "Rezept" prägt die Kinder von klein auf und hat auch mein eigenes Bild vom Kind beeinflusst.

Zu sehen wie sich die Kinder entwickeln zeugt davon, wie wichtig die Arbeit dieser Einrichtung ist. Nicht nur, obwohl dies natürlich einen überaus wichtigen Aspekt darstellt, auf der körperlichen Ebene, sondern gerade auch im sozialen Bereich, wie beispielsweise etwa im schrittweisen Erlernen von Konfliktmanagement auf einer kommunikativen Basis, Friedenserziehung, ein Miteinander erleben zu können, sich als gewolltes, wertvolles und akzeptiertes Mitglied einer Gemeinschaft zu fühlen, sich umeinander sorgen und für einander da zu sein usw. Dies alles empfinde ich als wunderschön und hier Fortschritte zu beobachten zu dürfen, gehört für mich persönlich mit zur größten Motivation.

Erst heute durfte ich zuschauen wie der kleine Jor, ein Jahr und vier Monate alt, versuchte Maria, sieben Monate alt, die Schuhe anzuziehen. Diese kleine Geste mutet vielleicht nichtssagend an, doch gerade Jor stammt aus schwierigen Verhältnissen. So muss seine Mutter alleine für sich und ihre drei Kinder aufkommen, der Vater ist im Sudan ohne baldige Chance auf ein Wiedersehen mit seiner Familie und  Jor zusätzlich physisch in schlechter Verfassung; da ist es nur natürlich, dass ein kleines Kind, all diesen Belastungen ausgeliefert, sich in Aggressivität flüchtet. Mit dem Hintergrundwissen um diesen Kontext bekommt seine Hilfsbereitschaft und Aufmerksamkeit der viel schwächeren Maria gegenüber, zumindest in meinen Augen, noch einmal einen völlig anderen Wert.

Die schönsten Moment für mich hier sind jene, wenn diese, teils vom Leben wirklich benachteiligten, Kinder lachen können. Doch einige scheinen diese Fähigkeit, obgleich ihres jungen Alters, bereits verlernt zu haben. Regina etwa, viereinhalb Jahre alt, leidet an einer Calziummangelerkrankung, aufgrund welcher sie sehr, sehr schwach ist, sodass es ihr unmöglich ist, zu laufen, zu springen oder gar zu tanzen. Ihr ein Lächeln zu entlocken, ist jedes Mal ein ganz besonderer, sehr rarer Erfolg.

Während meiner Zeit hier durfte ich auch mit irakischen Flüchtlingskindern und ihren Familien in Kontakt treten. Die meisten von ihnen leben in einem Kellerloch, in einem der schlechtesten Vierteln von Damaskus. Von dem Ausmaß der dort vorherrschenden Armut konnte ich mir im Zuge von Hausbesuchen mit den Schwestern vom Guten Hirten selbst ein Bild machen. Die Familie von der kleinen Amal beispielsweise (der Name bedeutet übrigens "Hoffnung"), lebt in einem einzigen Zimmer ohne Heizung oder gar elektrischem Licht. Das einzige "Möbelstück" stellt eine alte, modrige Matratze dar, welcher der Mutter und den fünf Kindern als Bett dient. Wenn diese sich auf Arbeitssuche begibt, muss sie ihre Kinder in dem dunkeln Raum einschließen, der Jüngste gerade einmal drei Jahre alt. Das Geld reicht weder für einen Arztbesuch noch für die so benötigte Brille für Amal und doch ist die Herzlichkeit und Wärme dieser Familie unvorstellbar groß.

Diese Zeit hier in Syrien hat mich sehr verändert und die Arbeit mit all diesen besonderen Menschen unbeschreiblich reich beschenkt. Ein riesen Danke auch vor allem an die Auslandshilfe der Caritas Salzburg, welche mir diesen Einsatz ermöglicht und ein unvorstellbar großer Segen für unzählige Menschen ist!!!

Mirjam Falch

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Miriam Falch

Bericht von Annerose Dünser aus der Kinderkrippe Damaskus

Manche Leser werden sich jetzt vielleicht denken: "Das Mädl kenne ich doch schon!" Das kommt daher, dass ich im Sommer 2010 mit auf dem Internationalen Friedenslager in Alexandria war und von meinen Erfahrungen dort berichtet habe. Seit diesem Camp gab es eine tiefe Verbundenheit zwischen mir und dem Nahen Osten und ich spürte, dass es für mich an der Zeit war, mich näher damit zu befassen. So war es für mich eine großartige Chance ursprünglich für sechs Monate, auf Grund der politischen Situation schlussendlich jedoch leider nur drei Monate, in Damaskus in der von der Caritas finanzierten Kinderkrippe für sudanesische Flüchtlingskinder arbeiten zu dürfen.

Mein großes Ziel war es in dieser Zeit MIT den Menschen zu sein und so viel wie möglich über ihr Leben, Denken und Handeln zu verstehen. So war es für mich sehr besonders, Freunde aus den unterschiedlichsten Hintergründen zu haben. Einer meiner Freunde ist ein irakischer Christ aus Bagdad, der Morddrohungen bekam, das Land verließ und nun schon seit mehr als einem Jahr in Damaskus wartet, um nach Kanada ausreisen zu können. So schockierend dabei ist, dass er genau wie der Rest der fast einen Million irakischen Flüchtlinge in Syrien, keine Arbeitserlaubnis hat und doch von irgendetwas leben muss. Dies hat logischerweise zur Folge, dass sehr viele Flüchtlinge unter katastrophalen Verhältnissen "hausen".

Genauso ist die Situation auch für die sudanesischen Familien, deren Kinder wir in der Kinderkrippe betreuen. In vielen Fällen ist der Vater im Sudan und die Mütter haben die volle Last der Verantwortung für ihre Kinder zu sorgen. Um den Müttern wenigstens die Möglichkeit zu geben eine billige Hilfsarbeit annehmen zu können, entstand die Kinderkrippe. Bevor es die Krippe gab hatten die Mütter keine andere Möglichkeit, als die kleinen Kinder zu Hause einzuschließen. Die Kinder litten vor allem an Hunger, an der Kälte auf Grund der Wohnsituation und der unzureichenden Kleidung,…

Nun gibt es Gott sei Dank die Kinderkrippe, die ein sicherer Ort für die Kinder ist und es den Müttern ermöglicht guten Gewissens arbeiten zu gehen.

Mein erster Eindruck als ich gemeinsam mit meiner Vorgängerin Mirjam Falch in die Kinderkrippe kam, waren offene, interessierte Kinderaugen, die sich fragten, was denn wohl mein Besuch zu bedeuten habe. Als sie dann bemerkten, dass ich wohl länger bleiben werde, wurde ich jeden Morgen mit einem herzlichen: "Anna!" begrüßt. "Ana" bedeutet auf Arabisch "ich" und so ist dieses Wort auch für die Babys eines der ersten Worte, das sie lernen. Anschließend kam eine stürmische Begrüßungsumarmung und dann starteten wir in den Tag. Für die meisten Kinder ist es ein unglaubliches Geschenk, wenn jemand Zeit für sie hat, mit ihnen lacht und Späßchen macht und so verging kein Tag, an dem wir nicht herzhaft lachen mussten. Trotz viel Freude gab es aber immer jene Kinder, die sich nicht mitfreuen konnten. Ein Junge beispielsweise hatte Zeiten, in denen er gar nicht aufhören konnte mich zu knuddeln und teilweise sogar grob wurde, weil er nicht wusste, wie er seine Zuneigung zeigen sollte. An anderen Tagen hingegen war es unmöglich an ihn heranzukommen, weil er so in sich zurückgezogen war. Da fragt man sich dann, was alles auf diese kleinen Kinderseelen einwirkt und wie alle Erfahrungen der Vergangenheit die Zukunft und Persönlichkeit prägen. An diesem Beispiel wird auch klar, wie groß unsere Verantwortung als Eltern und Pädagogen ist, besonders im Kleinkindalter. Da soll mir bitte keiner mehr sagen, dass z. B. wir Kindergartenpädagoginnen im Kindergarten "eh nur ein bisschen spielen, singen und basteln"!

Die Kinder sind in der Kinderkrippe in drei Gruppen aufgeteilt, so dass wirklich altersgemäß auf ihre Bedürfnisse eingegangen werden kann. Die Kinder sind im Alter von ein paar Monaten bis vier, fünf Jahre, bevor sie dann in den öffentlichen Kindergarten wechseln. In erster Linie bekommen die Kinder in der Krippe hygienische- und gesundheitliche Versorgung, erhalten jeden Tag ein vitaminreiches Frühstück und Mittagessen, das oft die einzige Nahrung am Tag bleibt, und sie bekommen auch die Möglichkeit sich durch Schlafen von ihren schwierigen Familiensituationen zu erholen. Doch nicht nur diese Betreuung, sondern auch die Bildung ist wesentlich. So arbeiten wir beispielsweise bei den Babys mit verschiedensten Impulsen und es ist eine große Freude zu sehen, wenn die Kinder trotz all der Schwierigkeiten normal anfangen zu sprechen, zu gehen, zu teilen, aufeinander zu schauen, sich gegenseitig zu helfen, … einfach gesagt, wenn sie sich normal entwickeln. Mir wurde auch wieder neu bewusst, wie Kinder durch Vorbildwirkung lernen. So war zu Beginn meiner Zeit gerade eine Phase, in der die Kinder sich gegenseitig schlugen, weil sie keine andere Art wussten sich auszudrücken und auch ich bekam einiges ab. Durch ein klares "Nein, ich mag das nicht" begriffen sie schließlich, dass das nicht die normale Umgangsform ist und begannen zu streicheln, vorsichtiger zu sein und z. B. auf die gerade krabbelnden Babys zu achten - so wurde aus dem groben und rücksichtslosen Verhalten ein liebevolles und zuvorkommendes Verhalten - sehr schön.

Eine tolle Erfahrung war für mich, als ich gemeinsam mit den Kindern der ältesten Gruppe ein arabisches Lied mit Gitarrenbegleitung lernte. Die Kinder lieben Musik über alles; sobald man nur schon den Radio einschaltet beginnen alle zu tanzen - das liegt ihnen wirklich im Blut. Umso spannender war es für sie, die Musik live zu erleben und natürlich sehr lustig, wie ich auf Arabisch sang.  Ich hatte, während ich mich auf meinen Einsatz vorbereitete, Hocharabisch gelernt, doch in Syrien spricht man einen anderen Dialekt und ganz besonders der sudanesische Dialekt unterscheidet sich sehr vom Hocharabischen. So war es immer sehr lustig, wenn die Kinder mich korrigierten, obwohl ihnen selbst oft manche Buchstaben fehlten wie z. B. die zwei verschiedenen "R" oder die unterschiedlichen "Ds" und "Ts", … Es ist also ganz klar, dass sie ganz normale Kinder sind, die in der Kinderkrippe ihre Sorgen und Schwierigkeiten vergessen können und einfach Kind sein können.

Speziell ist, dass es auch fünf weiße Kinder in der Kinderkrippe gibt, die betreut werden. So lernen alle, sowohl die sudanesischen, als auch die irakischen und syrischen Kinder, einen offenen und vorurteilsfreien Umgang miteinander. Ich hatte nie den Eindruck, dass es irgendwelche Schwierigkeiten gab, aufgrund der anderen Herkunft. Und es ist so schön, wenn man "Milch und Schokolade" in dieser Unbefangenheit vereint sieht. Ebenso ist auch das Team Nationalitäten gemischt und trägt so auch zur Völkerverständigung bei.

Besonders schwer war für mich der Abschied von den Kindern, als ich auf Grund der schwierigen politischen Situation drei Monate früher abreisen musste und mich innerhalb von zwei Tagen wahrscheinlich für immer verabschieden musste. Viele sudanesische Familien planen wieder in den Südsudan zurückzukehren, der im Juli unabhängig werden wird. In diesem Land gibt es wirklich gar nichts und es wird den Familien noch schlechter gehen als in Damaskus. Und doch ist es einfach ihr Heimatland, wo sie hingehören. Durch diese ganze Situation als Fremde in einem anderen Land konnte ich ein bisschen nachempfinden, was es heißt von allem entfernt zu sein, was man kennt, was einem ein Gefühl von Heimat gibt. Ich schreibe bewusst nachempfinden, denn es gibt einen riesigen Unterschied: Ich kann jederzeit wieder heimkehren, was für Flüchtlinge unmöglich ist. Sie können nur warten.

In meinen drei Monaten bekam ich so viele neue Sichtweisen und Einblicke in Situationen und Thematiken, von denen man ansonsten nur hört. Doch es sind einfach Welten, wenn man hautnah erlebt, was sich z. B. eine muslimische Frau vom Land von ihrem Leben erwarten kann und wie die Unterschiede zwischen Mann und Frau wirklich sind. Ebenso ist es mit dem Thema Armut; wir wissen so viel darüber, aber wir können es wirklich erst erfassen, wenn wir es selbst gesehen und erlebt haben. Ich kann es jedem nur empfehlen sich selbst vor Ort ein Bild vom Schicksal der Flüchtlinge zu machen oder gleich vor der Haustüre bei den Flüchtlingen in unserem Land zu beginnen.

Ich bin sehr dankbar für alle Begegnungen und Erfahrungen, die mich selbst und mein Denken verändert haben und von denen ich noch lange profitieren werde. Ebenso ein großes und herzliches Dankeschön an die Auslandshilfe der Caritas Salzburg, die meinen Freiwilligeneinsatz in Syrien koordiniert und begleitet hat und auch an die Auslandshilfe der Caritas Vorarlberg, die mich in der Vorbereitung sehr gut unterstützt hat. Die Arbeit der Caritas ist wirklich sehr wertvoll und verändert Menschenleben.

Annerose Dünser

Annerose Dünser in der Kinderkrippe Damaskus

Bericht von Katharina Ben Salah aus dem Frauenhaus Rayfoun

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Wenn Sie, liebe Leserin/lieber Leser, diesen Bericht vor sich haben, dann bin ich bereits wieder aus dem Libanon retour in Österreich. Aber jetzt sitze ich noch im Büro des Caritas Shelter in Reyfoun und versuche die vergangenen zwei Monate Revue passieren zu lassen. Nicht einfach bei so vielen Eindrücken, so vielen Aufgaben und so vielen verschiedenen Schicksalen. Aber am besten fange ich von vorne an.

Die Fahrt vom Flughafen in Beirut hinauf in die Berge zum Shelter war noch erwartungsgemäß "arabisch" - nämlich rasant und unkomplizierten Verkehrsregeln folgend: wer zuerst kommt, der fährt zuerst. Alles danach Folgende lag zu der Zeit für mich noch im Dunkeln. Auch wenn ich von Stefan Maier, dem Leiter der Auslandshilfe der Caritas Salzburg, gut über das Projekt informiert worden war und ich mit der Leiterin des Hauses, Nancy Chehade, bereits vorab in E-Mail-Kontakt war, so wusste ich doch nicht so recht was mich alles erwarten würde.

Vielleicht noch kurz zu meiner Person: ich bin 32 Jahre alt, arbeite als Projekt Managerin und studiere Sozialwirtschaft in Linz. Mit der arabischen Kultur bin ich seit einigen Jahren gut vertraut, zudem bin ich ehrenamtlich im Asylbereich tätig und verfüge somit bereits über etwas Erfahrung in diesem Bereich.

Das Team im Shelter hat mich sehr herzlich willkommen geheißen und ich hatte zwei Wochen Zeit, um das gesamte Aufgabengebiet kennenzulernen, bevor ich meine eigenen Aktivitäten starten sollte. Also habe ich mich den Frauen des Shelters angeschlossen und mit ihnen den Näh-, den Computer- und den Englischkurs besucht. Dabei hat sich schnell gezeigt, dass der Englischlehrer mit den vielen Frauen und deren verschiedensten Levels an Sprachkenntnissen total überfordert war. Somit war meine erste Aufgabe rasch gefunden: Englischunterricht für die Anfänger - und Joseph, der Englischlehrer, konnte sich auf höherem Level besser auf seine Schülerinnen konzentrieren.

Zum Shelter sollte noch gesagt werden, dass hier Frauen aus quasi der ganzen Welt untergebracht sind. Die meisten jedoch aus Äthiopien, Bangladesch, Madagaskar und den Philippinen. Sie kamen in den Libanon um hier zu arbeiten - mit dem verdienten Geld unterstützen sie die zurückgelassenen Familien. Diese sind auf das regelmäßig geschickte Geld angewiesen, um die Lebenskosten bestreiten zu können, kranke Familienmitglieder zu versorgen und die Kinder zur Schule zu schicken. Jedoch verlief für manche der geplante Aufenthalt nicht wie gewünscht: sie wurden misshandelt und/oder ausgebeutet und wandten sich deshalb an die Caritas im Libanon.

Viele ihrer Geschichten sind sehr berührend. Zum Beispiel ist mir Charlene aus Kenia sehr ans Herz gewachsen. Ich war bei ihrer "Aufnahme" im Büro, sie hatte keine Tasche dabei und nur die Kleider, die sie trug. Es war ein sehr turbulenter Tag, niemand hatte Zeit für sie, daher hab ich mich zu ihr gesetzt und sie hat mir ihre Geschichte erzählt. Ihr Arbeitgeber ließ sie Tag und Nacht arbeiten, verlieh sie an Bekannte und schlug sie. Einmal konnte sie kurz entwischen und ihren Vater anrufen, der ihr riet zur kenianischen Botschaft zu gehen. Sie flüchtete und mit Hilfe von Leuten auf der Straße erreichte sie ihr Ziel. Da saß sie nun, mit Narben auf den Armen und Beinen, erzählte mir, dass ihr Vater gar nicht wüsste, ob sie noch lebte, aber sie glaube fest an Gott und dass er ihr helfen würde. Nur um eine Bibel hat sie mich gebeten, weil die ihre musste sie beim Arbeitgeber zurücklassen. Und um einen Anruf an ihre Familie. Die Bibel konnte ich ihr leihen, den Anruf konnte ich leider bis heute nicht ermöglichen.
Nur Frauen, die über Geld verfügen, haben die Möglichkeit Telefonanrufe zu tätigen. Eine Tatsache, die mich bis heute schmerzt. Es wäre wirklich eine Kleinigkeit, ihr einen Telefonanruf aus meiner eigenen Tasche zu bezahlen. Aber es wäre den anderen Frauen gegenüber nicht fair und nicht zu argumentieren. Telefonate für alle im Shelter kann ich dann leider auch nicht übernehmen. Zudem ist dies nicht wirklich das Nötigste, an dem es fehlt. Viel dringender wären etwa Spielsachen für die Kinder. Manche der Frauen haben Babys - die sind noch relativ leicht zu unterhalten.

Neben den Arbeitsmigrantinnen haben wir aber auch Frauen, die mit ihren Kindern aus dem Irak geflüchtet sind und nun hier im Libanon einen Antrag auf Asyl gestellt haben. Der Libanon ist allerdings nur ein Transitland für Flüchtlinge, da das Land die Genfer Konventionen betreffend Flüchtlinge nicht ratifiziert, also bestätigt hat. Das heißt für die irakischen Familien, dass sie im Libanon keine Aufnahme finden, sondern in ein anderes Land vermittelt werden müssen. Dies passiert durch den UNHCR (United Nations High Commissioner for Refugees - Hohes Flüchtlingskommissariat der Vereinten Nationen) und ist mitunter sehr zeitaufwändig.

Für die Frauen und Kinder bleibt also nichts anderes als zu warten. Die Tage vergehen langsam, wenn man kaum zu tun hat und sie müssen sehr viel Geduld aufbringen. Nur wenig lenkt sie davon ab, an die zurückgelassene Heimat und an die ungewisse Zukunft zu denken. So werden alle gebotenen Aktivitäten sehr dankbar angenommen. Man kann sich die große Freude über den neuen Fitnessraum, der durch die Caritas Salzburg dank einer Spende der österreichischen Botschafterin im Libanon ermöglicht wurde, kaum vorstellen. Es ist nicht nur eine willkommene Abwechslung, sondern für viele auch die einzige Möglichkeit, überschüssige Energien abzubauen. So kann sogar ein Laufband ein kleines Stückchen Freiheit bieten.

Es gäbe noch so viel zu erzählen! Von Kindern, die so gerne lernen, aber nicht zur Schule gehen können, weil sie "Papiere" haben. Von der Freude über Stickgarn und Handarbeitsmaterial. Von Glückwünschen und Tränen, wenn eine der Frauen endlich in ihr Heimatland abreisen darf. Von Sorgenfalten beim Anblick der schon wieder zu kleinen Schuhe der Kinder…

Und natürlich vom Team der Caritas Reyfoun, die hier wirklich Großartiges leisten! Sie sind dem Ansturm an Arbeit oft kaum gewachsen und holen doch aus allem das Beste heraus. Mir bleibt nur zu wünschen übrig, dass sich das Shelter weiterhin so positiv entwickelt, dass dem Team nicht der Atem ausgeht und es in Österreich weiterhin tatkräftige Unterstützung findet.

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Katharina Ben Salah im Frauenhaus Rayfoun

Bericht von Magdalena Peyrer aus dem Frauenhaus Rayfoun

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Die arabische Welt war in den letzten Wochen und Monaten in aller Munde. Die Medienwelt blickte mit Staunen auf die Zivilcourage der ÄgypterInnen und verfolgte die Umbrüche in Libyen mit Besorgnis. Davon beeinflusst war auch die Reaktion von Vielen, als ich, Studentin der Internationalen Entwicklung an der Universität Wien, beschloss mich für ein Volontariat bei der CARITAS Salzburg im Libanon zu bewerben.

Wie ich auf diese Idee kam? Je mehr die Ausländerfeindlichkeit in den vergangenen Jahren in Österreich zunahm, desto mehr habe ich mich für die arabische Kultur und Sprache interessiert. Ich wollte die Menschen selbst erfahren und die vielen Vorurteile entkräften. Nachdem ich nun schon seit fünf Wochen hier im Frauenhaus für Migrantinnen und Asylwerberinnen der CARITAS arbeite, kann ich sagen, dass mir das gelungen ist. Abgesehen davon, kann ich mein gesichertes Leben in Österreich kaum genießen, wissend, wie sehr unsere Welt von Ungerechtigkeiten geprägt ist. Ich bin der Meinung, dass wir uns alle engagieren sollten, um die Welt ein kleines Stück fairer zu machen. 

Wie bereits erwähnt, arbeite ich hier in einem Frauenhaus für Migrantinnen und Asylwerberinnen in den Bergen Libanons, geleitet vom Flüchtlingsbüro der CARITAS Libanon und unterstützt durch die Auslandshilfe der CARITAS Salzburg. Die Migrantinnen kommen größtenteils aus Äthiopien, Madagaskar, Bangladesch, den Philippinen und Sri Lanka. Sie kommen meist hierher um als Haushaltshilfen zu arbeiten und dadurch ihren Lebensstandard zu verbessern. Viele von ihnen haben Familie und Kinder in ihren Herkunftsländern, die sie durch remittances - Sendungen von Geld - unterstützen. Ich habe großen Respekt vor diesen Frauen, die ihre Angehörigen für viele Jahre nicht sehen können.

Wie zum Beispiel eine Migrantin aus Madagaskar, die mir besonders ans Herz gewachsen ist. Sie kam vor zwei Jahren hierher, da sie Geld für die Schulausbildung ihrer Tochter benötigte. Viele Frauen haben mit ihren Vorhaben jedoch keinen Erfolg. Sie werden Opfer moderner Sklaverei: sexuelle Belästigung, sowie psychische und physische Gewalt sind keine Seltenheit. Ihre Gehälter werden oft für viele Monate nicht ausbezahlt und auch die Pässe werden ihnen gewöhnlich von dem/r ArbeitgeberIn abgenommen. Einige finden den Mut zu fliehen, doch nicht immer ergeht es ihnen danach besser.

Die Asylwerberinnen stammen meist aus dem Irak. Da der Libanon die Genfer Flüchtlingskonventionen nicht unterschrieben hat, versuchen sie Asyl in Europa, den USA oder Kanada zu erhalten. Gelangen Frauen zur CARITAS, so können sie sich hier an einem ruhigen und sicheren Ort ausruhen und bekommen rechtlichen Beistand. Die CARITAS versucht alles, um ihnen möglichst bald die Heimreise, oder auch die Aufenthaltsberechtigung zu ermöglichen.

Jeder Tag eine neue Herausforderung

In unserem Shelter haben sie außerdem die Möglichkeit an einigen Aktivitäten, wie zum Beispiel Englisch- und Computerunterricht teilzunehmen. Dennoch haben die Frauen und Kinder oft keine Beschäftigung, die sie von dem vielen Nachdenken und Warten ablenkt. Auch ist das Team hier nicht besonders groß, obwohl in unserem Shelter oft auf engem Raum bis zu 100 Frauen untergebracht sind. Als ich vor fünf Wochen hierher gekommen bin, habe ich daher versucht überall anzupacken, wo gerade Hilfe notwendig war und den Kontakt mit den Frauen und Kinder gesucht. Hier ist es besonders wichtig flexibel zu sein, da jeden Tag neue und unerwartete Dinge passieren und man seine Vorhaben für einen Tag meist nicht erfüllen kann. Ich helfe also in administrativen Angelegenheiten und versuche daneben noch einige Aktivitäten durchzuführen: Zeichnen und Schreiben mit den Kindern, Karten spielen, Bänder knüpfen, Fitness, ... Die Situation der Kinder schmerzt mich besonders. Viele sind bereits zehn, zwölf Jahre alt und haben oft keine Schulausbildung. Sie sind noch so jung und schon jetzt wird ihnen die Chance auf eine bessere Zukunft genommen. Auch für die CARITAS ist es kein leichtes Unterfangen diesen Kindern eine Schulausbildung zu ermöglichen, da viele von ihnen keine Papiere haben und illegal im Libanon leben.

Ich hoffe, dass ich in meinen sieben Wochen das Team entlaste und den Frauen und Kindern eine lustige und fröhliche Zeit bereiten kann. Es ist nicht immer einfach mit den vielen schlimmen Lebenssituationen umzugehen und gleichzeitig zu wissen, dass Eine/r wenig machen kann um diese zu verändern. Das Shelter begleitet die Frauen und Kinder nur in einem kurzen Abschnitt ihres Lebens. Wir wissen nicht wie es ihnen ergeht, wenn sie wieder in ihre Heimatländer zurückgekehrt sind. Ich hoffe, ich konnten Ihnen mit diesem Artikel einen kleinen Einblick in meine Arbeit geben und Ihnen gleichzeitig die Problematik dieser Menschen ans Herz legen! Es gibt viele Frauen und Kinder, die Hilfe benötigen würden - Häuser, wie dieses gibt es kaum.

Magdalena Peyrer-Heimstätt

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Bericht von Helga Marco aus dem Frauenhaus Rayfoun

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"Wie bist du denn auf diese verwegene Idee gekommen, ausgerechnet in den Libanon als Volontärin zu gehen?", fragten mich meine Freunde kopfschüttelnd und besorgt, als sie von meiner Absicht, drei Monate im Caritas-Frauenhaus in Rayfoun arbeiten zu wollen, erfuhren.

Angeregt durch einen Artikel der Freiwilligen Katharina B. in der Caritas Nahost-Info, die im Sommer 2011 im Libanon tätig war,  bewarb ich mich um diese Aufgabe. Ich bin mir dessen bewusst, dass eine Frau mit 76 als Volontärin etwas ungewöhnlich ist. Alter bedeutet aber bekanntlich nicht nur Nach-, sondern auch Vorteile. Ausschlaggebend für mich war, dass dieser Einsatz eine SINNVOLLE Arbeit sein würde.

Im Shelter sind sowohl Flüchtlingsfrauen - die meisten aus dem Irak - als auch Frauen aus ca. 15 afrikanischen und asiatischen Ländern untergebracht, die in den Libanon gekommen waren, um dort als Hausgehilfinnen Geld zu verdienen. Nicht wenige von ihnen waren misshandelt und/oder ausgebeutet  worden, sodass sie ihren Dienstgebern davongelaufen waren. Da ihnen bei der Einreise der Pass abgenommen wurde, waren sie nun  illegal im Land und wurden über kurz oder lang von der Polizei aufgegriffen. Zwei Frauen berichteten  mir, dass sie von ihren Dienstgebern auf dem Flughafen Beirut einfach nicht abgeholt worden waren - wahrscheinlich war kein Bedarf mehr vorhanden. Die eine irrte zwei, die andere vier Tage auf dem Flughafen herum, bis sie schließlich von  der Polizei aufgegriffen wurde. Man stelle sich das einmal vor: Eine Frau, die nicht Arabisch sprechen kann und auch nicht  -  in den meisten Fällen - über ausreichende englische oder französische Sprachkenntnisse  verfügt! Sie kennt nur den Namen, nicht die Adresse ihres künftigen Dienstgebers. Sie hat kaum Geld, um Essen zu kaufen... Welche Verlassenheit, welche Bangigkeit! Dabei waren alle diese Frauen in den Libanon gekommen, um Geld für ihre Familie verdienen. Fast alle haben zu Hause zwei bis sechs Kinder, für die sie hier arbeiten wollten: damit diese genug zu essen haben, in die Schule gehen können... Und nun dieses Fiasko schon zu Beginn!- Wenn eine Frau von  der Polizei aufgegriffen wird, kommt sie ins Schubhaftgefängnis, eine ehemalige Tiefgarage ohne Tageslicht. Durch  eine Vereinbarung mit der Caritas können solche Frauen bis zu ihrer Abschiebung im Frauenhaus in Rayfoun bleiben.

Das Frauenhaus ist ein ruhiger und sicherer Ort, mit großem Garten, in den Bergen, etwa auf 1.000 m Seehöhe gelegen. Hier bekommen die Frauen Verpflegung, Unterkunft sowie rechtliche und psychologische Begleitung. Allerdings platzt das Haus aus allen  Nähten. In Extremfällen sind hier bis zu 100 Personen untergebracht: Babys,  größere Kinder, minderjährige Jugendliche, Frauen. Und hier warten sie nun - manche mehr als ein Jahr: die Flüchtlinge, bis ihr  Antrag auf Ansiedelung in einem Drittland erledigt ist - der Libanon ist nur ein Transitland für sie -, die Arbeitsmigrantinnen, bis sie in ihre Heimatländer zurückkehren können. Der Anblick dieser herumsitzenden, auf den ungewissen  Abreisetermin wartenden Frauen hat mich vom ersten bis zum letzten Tag erschüttert.

Meine Aufgabe war es, bei der Betreuung dieser Frauen und Kinder mitzuhelfen. Mit den Kindern zu spielen war meistens ein Vergnügen, außer ein Rabauke störte aus irgendeinem Grund. Jeden zweiten Tag stand Bildnerisches Gestalten auf dem Programm. Da wurden Tiere, Schachteln, Becher usw. gefaltet, Zeichnungen ausgemalt, mit Acrylfarben gemalt (abstrakt oder gegenständlich), einfache Motive auf Kärtchen  gestickt  usw.

Wie schwer es ist, die Frauen zu Aktivitäten zu animieren, hatte ich mir nicht vorgestellt. Manche, besonders junge ließen sich für jedes Angebot begeistern, andere waren nie dazu zu bewegen, teilzunehmen. Viermal pro Woche versuchte ich verschiedene Techniken zu vermitteln, z. B. Häkeln, Stricken, Sticken..., dann wieder fertigten wir Dinge an, mit denen die Frauen sich schmücken konnten: Ketten aus Perlen, Armbänder, Freundschaftsbändchen. Ich zeigte ihnen, wie man aus alten Kleidern einen Ball machen kann, wir fertigten Papierblumen an etc. Gelegentlich malten wir oder machten Trommeln aus Recyclingmaterial. Vier Afrikanerinnen bildeten ein kleines Trommelorchester. Höhepunkt gemeinsamer Aktivitäten war unsere Internationale Fun-Fashion-Show, die tagelange Vorbereitungen erforderte. Genauso wie der Papierflieger-Wettbewerb und das Dosenschießen war sie ein Erlebnis für groß und klein. Die Teilnahme war nicht nur eine Frage des Ehrgeizes, sondern auch die Preise (meist Süßigkeiten) lockten.

Vieles an diesem Einsatz war beglückend, manches belastend. Die Begegnung mit vielen dieser Frauen wird mir lange in Erinnerung bleiben, und es tut mir leid, dass ich diese Kontakte nicht fortsetzen kann. Eines aber wird mir immer präsent sein: dass ich aus einem der reichsten Länder der Welt komme, dass ich persönlich privilegiert bin: ich habe keine finanziellen Sorgen, ich bin körperlich gesund, ich habe keine Depressionen.

Daraus resultiert meine tiefste Überzeugung:  Ich  will nicht für mich leben,  ich will und muss TEILEN. Ich werde mich immer, in welcher Form auch immer, für die vielen einsetzen, denen das Leben arg mitgespielt hat.

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Helga Marco im Frauenhaus Rayfoun