Rafis Zuhause liegt in Trümmern

24.07.15 / 10:08

Ein Artikel von Ingrid Burgstaller, erschienen im Rupertusblatt, Juli 2014

Jeder zweite syrische Flüchtling ist ein Kind wie Rafi. Er ist in Aleppo geboren. Der Krieg hat seine Heimatstadt in ein Trümmerfeld verwandelt. Ohne seine Mutter, nur mit der Schwester und dem Vater ist Rafi im Libanon gestrandet. Der Start hier war nicht einfach. Es ging von einem provisorischem Unterschlupf zum nächsten. Nach langem Suchen fand der Vater einen Job als Hausmeister. Wohnen kann er in einem Kellerzimmer. Es ist kein Platz für Rafi. Doch der Junge hat Glück. Im Internat der Barmherzigen Schwestern in Broumana findet er mehr als ein Dach über dem Kopf. Er kann endlich wieder die Schulbank drücken.

Schwester Zahia ist zufrieden mit ihrem Schützling: „Rafi ist ein sehr höfliches Kind. Am Anfang war es hart für ihn in der fremden Umgebung. Er hat sehr unter der Trennung von seinem Mutter gelitten.
Jetzt blüht er immer mehr auf.“ Insgesamt 75 syrische Kinder können in St. Vinzenz im Libanongebirge
zur Schule gehen. „Wir tun unser Bestes, damit sie die Schrecken des Krieges und die während
der Flucht erlebten Traumata verarbeiten können. Danke an alle, die uns dabei unterstützen.“

Drei Viertel der syrischen Mädchen und Buben im Libanon wachsen ohne auf Bildung auf. Entweder weil es keine Schulplätze gibt oder weil sie arbeiten und zum Familieneinkommen beitragen müssen.

„St. Vinzenz ist eine positive Ausnahme. Wohl nur wenige Schulen im Libanon haben in Relation zur eigenen Schülerzahl so viele syrische Kinder aufgenommen“, berichtet Stefan Maier. Der Leiter der Auslandshilfe der Caritas erklärt auch wie die Hilfe aus Salzburg aussieht: „Das ist die Finanzierung einer Schulausspeisung und von Nachhilfelehrern.

Vor allem in Französisch und Englisch müssen Kinder wie Rafi einiges nachholen“, so Maier, der vor Ort war und das gute Miteinander erlebte, das er mit einer Anekdote unterstreicht: „Ein Bub heißt mit Vornahmen Bashar – wie der syrische Diktator. Nun gab es einen sportlichen Wettbewerb an der Schule. Der kleine Bashar ging als Sieger hervor und die Kinder feierten ihn mit Applaus und lauten Bashar-Rufen. Das überraschte einigelibanesische Förderinnen der Schule etwas und sie meinten dann mit einem Augenzwinkern: Das gibt es ja nicht, der Kerl (gemeint war natürlich Bashar al-Assad) verfolgt die Leute sogar bis ins Libanongebirge.“

Flüchtlings-Weltrekord

Lachen und Ausgelassenheit begegneten Maier an seinem zweiten Schauplatz im Libanon nicht. In einem Zeltlager in Baalbek traf er auf Menschen, denen die Strapazen ihrer Flucht ins Gesicht geschrieben sind. Auf Hilfe sind alle angewiesen, doch längst nicht alle bekommen sie. Je länger die Krise dauert, umso unzureichender ist die Versorgung. „Die internationale Hilfe stagniert“, bringt es Stefan Maier auf den Punkt. Das habe mit der Spendenmüdigkeit „im Westen“ zu tun. Doch die Zahl der bedürftigen Menschen in Syrien und in den Nachbarländern in denen sie untergekommen sind, steige immer noch.

„Zwar nicht mehr so wie vor einem Jahr“, weiß Nahost-Experte Maier, „die libanesische Regierung hat ja eine Visumspflicht eingeführt, um den Zustrom zu stoppen und UNHCR angewiesen, keine neuen Flüchtlinge mehr zu registrieren. Doch der Libanon hält ohnehin den Flüchtlingsweltrekord.“ Offiziell
sind 1,3 Millionen im Land, das kleiner ist als Tirol. Die Bevölkerung besteht somit fast zu einem
Viertel aus syrischen Bürgerkriegsflüchtlingen – die Dunkelziffer dürfte noch höher liegen. Dazu kommen tausende Schutzsuchende aus dem Irak und eine halbe Million Palästinenser, die hier seit Jahrzehnten leben. „Es ist erstaunlich, dass die Situation trotzdem relativ ruhig. Man kann nur hoffen, dass es anhält."

Die Not der syrischen Flüchtlingskinder ist oft enorm groß.

Verzweiflung ist groß

Für die Flüchtlinge gibt es kaum Unterstützung vom libanesischen Staat. Syrer die noch etwas Geld haben, sind in Garagen, leeren Fabrikhallen oder Abbruchhäuser „eingemietet“. Und selbst für einen Platz in den Zeltlagern müssen sie an die Grundbesitzer zahlen. „Damit sie sich das leisten können, nehmen sie für einen Hungerlohn jeden Job an."

"Kinder ab zwölf Jahren oder noch jünger müssen am Feld arbeiten“, berichtet Maier. In den Lagern mache sich Resignation breit.

„Die Mehrheit wollte immer abwarten bis das Regime stürzt und dann nach Syrien zurück. Der Konflikt dauert nun schon Jahre. Friede ist keiner in Sicht. Mehr und mehr haben den Gedanken, die Region
irgendwie zu verlassen. Sie sehen für sich keine Zukunft mehr in Syrien. Die Verzweiflung ist allgegenwärtig. Sie wissen zwar, dass sie in Europa nicht mit offenen Armen aufgenommen werden, doch sie sagen: schlimmer kann es nicht werden als hier.“ Die Caritas setzte deshalb neben der Nothilfe verstärkt auf langfristige Projekte. „Wir wollen den Menschen in der Region eine Perspektive geben und die Kinder und Jugendlichen mit Bildung auffangen. Die Gefahr ist groß, dass eine verlorene Generation heranwächst. Wir schauen aber auch, dass bei all unseren Aktivitäten bedürftigen Libanesen profitieren, damit keine Kluft und Konfliktpotential zwischen Einheimischen und Flüchtligen entsteht.“

Auf das Positive konzentrieren

Nach Syrien ist eine Reise für Stefan Maier derzeit unmöglich. „Das Land ist am Boden. Angenommen, der Krieg hört morgen auf, es würde 30 Jahre dauern, um Syrien wieder auf den Stand von 2010 zu bringen. Jede vierte Schule ist zerstört und Spitäler ausgebombt. Früher stellte Syrien 90 fast alle Medikamente selbst her. Jetzt ist die Pharmaindustrie ausradiert.“ Aleppo zum Beispiel sei einmal das Handelszentrum Syriens gewesen. Heute haben die Menschen keinen Strom und kein Wasser mehr. Nur mehr ein kleines Viertel ist von Regierungstuppen kontrolliert, rundherum sind Rebellen.

Als anderswo in Syrien längst Krieg herrschte, war es im Nordosten noch ruhig. Nun ist es auch dort nicht mehr sicher. In Hassake hat die Caritas vor Jahren ein lokales Team aufgebaut. „Jetzt ist Hassake
in akuter Gefahr. Es kommt immer wieder zu Luftangriffen und fünf Kilometer vor der Stadtgrenze
stehen die Kämpfer des Islamischen Staates“, schildert Maier Berichte von den Mitarbeitern, die noch ausharren. Die Erlebniss seiner jüngsten Nahost-Reise teilt Stefan Maier derzeit mit den Menschen in den Pfarren der Erzdiözese.

„Ich bin gerade viel unterwegs. Vor allem dort, wo Flüchtlinge aufgenommen wurden, wollen die Leute
etwas über die Hintergründe wissen.“ Er erzählt dann natürlich auch davon wie die Spenden aus Österreich den Menschen in Syrien und im Libanon helfen. „Das ist das Positive, darauf sollten
wir uns konzentrieren.“