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Von der Kunst, einfach glücklich zu sein

Er bezeichnet sich selber als lebende Legende: Damit hat Sepp Forcher sicher recht – kaum ein Österreicher, der ihn nicht aus Fernsehen oder Rundfunk kennt. Seit über 30 Jahren moderiert er die Fernsehsendung „Klingendes Österreich“. Ein Mann, der es vom Hüttenwirt zum Fernsehstar gebracht hat und dabei mit beiden Beinen fest am Boden geblieben ist.

Sepp Forcher ist ein Sammler. Das erklärt er als erstes, als ich mit ihm und seiner Frau Helli in der gemütlichen Stube seines Bauernhauses sitze. Die beiden sammeln so einiges: Korkenzieher, Lienzer Porzellan, Steine von ihren Bergtouren, Erlebnisse, Ehejahre. Seit über 60 Jahren sind die beiden verheiratet. Im letzten Jahr haben sie Diamantene Hochzeit gefeiert. Ein Hochzeitstag, der nicht vergessen wurde, lacht Sepp Forcher. Denn auf ihre Hochzeitstage haben die beiden am Anfang immer vergessen. Warum?

„Weil wir nicht versessen darauf sind, dass Glücksmomente an ein Datum gebunden sein müssen. Glück ist ein Begriff, der im Unwirklichen liegt. Es ergibt sich und dann ist man glücklich - und es ist dann Wurscht, wann das ist“.

Sepp Forcher erzählt aus seinem Leben und wie er in ganz jungen Jahren bei Null angefangen hat – als Hüttenwirt gemeinsam mit seiner Helli. Kennen gelernt haben sie sich, wie kann es anders sein, durchs Bergsteigen. Sie erzählen von ihrer ersten gemeinsamen Tour auf den Großglockner und wie sie nachher im gleichen Bett geschlafen haben. „Da hat`s nichts gegeben, kein Busserl, nichts“, erzählt Helli augenzwinkernd. Die erste Hütte haben die beiden bereits gepachtet, als sie noch nicht verheiratet waren. Sie wollten probieren, wie es miteinander geht. Dass es gut geht haben sie bewiesen und zwar in guten wie in schlechten Zeiten.

„Glück ist eine Empfindung, die man zeitweise haben kann, aber nicht dauernd.“

Wir sprechen über den Verlust ihres Sohnes, der mit 19 Jahren tödlich verunglückt ist. Sepp Forcher: „Das ist jetzt über 40 Jahr her und mittlerweile schlüpft er in jene Rolle, die in der griechischen Mythologie den Halbgöttern zugeschrieben wird. Also sie sind unsterblich. Das heißt er ist konserviert bei uns in seiner Jugend. Er ist immer neunzehneinhalb Jahre alt.“ Er macht eine Pause, schaut nach unten, denkt nach. „Ich sag oft zur Helli, stell dir vor, der wäre jetzt 61 und zum Schluss so ein Frühpensionist, ein Suderer, kann alles passieren“. Was er einem 60 jährigen Suderer sagen würde, frage ich. „Der soll lieber froh sein, dass er 60 Jahre alt geworden ist und im Stande noch blöd zu reden. Weil da gehört auch Kraft dazu, das ist eine verschmissene Kraft. Alles was negativ ist, das muss nicht so sein. Auch wenn sie geschieden sind und das Haus niedergebrannt ist, wenn dich die Kinder verlassen haben – es ist alles Blunzen – der Herrgott hat dir das Leben geschenkt und jetzt mach was draus.

Zu den schönsten Momenten im Leben der beiden zählen ihre Bergtouren. 32-mal war Sepp Forcher am Großglockner, wo er viel Schönes erlebt hat, wo er seine Helli kennen gelernt hat. Oder die Nepalreise, bei der die beiden im Himalaya Gebirge gewandert sind, um die ewige Flamme im Kloster Muktinath zu sehen, von der Sepp Forcher in einem Buch gelesen hat. Helli erzählt von dem beeindruckenden Moment als sie zum ersten Mal den Dhaulagiri gesehen hat. „Die Tränen sind mir runter gelaufen“.

Mittlerweile ist Sepp Forcher 87 Jahre alt. Das klingende Österreich moderiert er immer noch und möchte das auch weitermachen solange er körperlich und geistig in der Lage dazu ist. „Mir ist klar, dass das morgen vorbei sein kann und darum bin ich dem Herrgott dankbar, dass er mich einfach so sein lässt wich ich bin“, sagt er. Abstriche müssen die beiden im Alter trotzdem machen, weniger glücklich sind sie deswegen nicht. Auf den Großglockner fährt Sepp Forcher mittlerweile mit dem Auto. Er freut sich über die Hochalpenstraße, die es ihm jederzeit ermöglicht auf die Franz-Josefs-Höhe zu fahren und den Berg zu betrachten, den er von allen Seiten bestiegen hat.

„Auch wenn das Leben weniger wird, es ist immer noch etwas drinnen.“

Sepp Forcher versteht sich darauf das Glück in den kleinen Momenten zu finden. Bei einem Glaserl Wein zum Beispiel, einem guten Essen oder vor kurzem in Wien, als Sepp und Helli Forcher im Hotel Sacher eingeladen waren. Etwas, dass sie sich selber nie gegönnt hätten. Er erzählt vom Frühstücksraum, in dem an der Wand ein Gemälde des Künstlers Anton Faistauer hängt. „Da  muss man wissen, dass ich Faistauer Verehrer bin“, sagt er mit einem spitzbübischen Lächeln im Gesicht „Und ich sag zu meinem Freund, du Hans, da hängt, ein Faistauer, ein Original. Sagt er, schau dich um, da sind lauter Faistauer. Und dann sitze ich auf einmal da im Hotel - in dem Hotel - und ein Faistauer nach dem anderen“. Man merkt ihm das Glück über jenen besonderen Moment immer noch an und muss unweigerlich selber lächeln.

Nach dem Interview führen mich Sepp und Helli Forcher noch in ihren Garten. Dort liegt ein riesiger Berg an Steinen, die sie gesammelt haben. Zu jedem Stein gibt es eine Geschichte. Einige davon erzählen sie mir. Mit der gleichen Ruhe und Gelassenheit, mit der sie mir für eine Stunde lang einen Einblick in ihr Leben geschenkt haben. Ich gehe mit einem Gefühl von Glück und dem festen Vorsatz, im Alter einmal genauso zufrieden, dankbar und glücklich zu sein, wie diese beiden.