Standpunkt.Blog

Das Methusalem Experiment

Von Michael Schmuck

Mein Großvater fuhr mit 92 Jahren mit dem Rad gemütlich durch seinen Heimatort, spielte Geige im Kirchenorchester und war sechs Tage die Woche in seiner Schmiede am Hämmern oder Schweißen. Irgendwie habe ich mir vorgestellt, dass ich nicht nur seine Nase und seine Haare geerbt hätte, sondern auch seine Konstitution. Ich würde also ohne Zweifel und ohne Probleme alt werden und fit sein. Soweit die Theorie. Und dann bekam ich vor kurzem die Möglichkeit, rund 50 Jahre in die Zukunft zu springen und eine halbe Stunde im Körper eines 80-jährigen zu verbringen. Seitdem weiß ich, dass fit sein im Alter kein Selbstläufer ist.

Der erwähnte (Fremd)Körper eines 80-jährigen ist genaugenommen eine Kombination aus Weste, Gamaschen, Brille und Gehörschutz, die mich wie einen Skateboard-fahrenden Fabrikarbeiter aussehen lässt und ganz schön ins Schwitzen bringen wird…

Anstrengung als Grundzustand

Markus Prötsch, der Leiter der Museumspädagogik im Salzburger Haus der Natur, legt mir die Einzelteile an. Normalerweise macht er das mit Schulklassen der Oberstufe, zunehmend auch mit Pflegepersonal in Praxis oder Ausbildung. Sogar Pflegekräfte mit mehreren Jahren Erfahrung haben hier das eine oder andere Aha-Erlebnis. Für viele von ihnen sei es ein verändernder Moment gewesen, sagt er. Denn trotz theoretischem Wissen und mehreren Jahren Berufserfahrung mit alten Menschen, wird durch den Anzug zum ersten Mal klar, was alt sein eigentlich bedeutet: viele Einschränkungen, einige Unmöglichkeiten, Anstrengung als Grundzustand

Nach ersten vorsichtigen Schritten und Bewegungen wird ausprobiert: springen, gehen, auf einem Bein stehen, sich hinlegen und wieder aufstehen. Die Gamaschen an Ellbogen und Knien und die Gewichte an Oberkörper, Armen und Beinen simulieren Muskelschwund und verstärken die Schwerkraft deutlich - aber im erträglichen Maß. Ich bin auf mich selbst und meine leicht verlangsamten Bewegungen konzentriert und ignoriere vorerst das Stimmen-Gemurmel aus einer anderen Ecke des Raums. Als ich mich bereit fühle für den nächsten Schritt, wende ich mich an den Experimentleiter und meine Kollegen – und damit beginnen die Schwierigkeiten.

„Bitte redet nicht alle durcheinander“

Erst durch die Interaktion wird mir die Tragweite meiner Einschränkungen wirklich bewusst: Durch den Kapsel-Gehörschutz kann ich einzelne, an mich gerichtete Sätze zwar gedämpft, doch einigermaßen gut verstehen. Sobald die Personen im Raum aber miteinander reden, vermischt sich alles zu einem unverständlichen Gebrabbel, das nach einigen Sekunden ziemlich anstrengend wird. Besonders die hohen Frequenzen gehen verloren, die dem Gesagten die nötige Kontur geben.

Kein Wunder, dass sich ältere Menschen häufig aus Gesprächsrunden ausklinken: Auch ich suche Abstand zu diesen Stimmen und renne beinahe eine Kollegin um, die ich dank eingeschränkter Sicht und Halskrause nicht gesehen habe, obwohl sie direkt neben mir steht. Später wird sie mich darauf hinweisen, dass ich mit Gehörschutz um einiges lauter gesprochen hätte als normal. Auch mich selbst höre ich also kaum mehr.

Dann doch lieber an der Hand

Nun geht es durchs Haus der Natur – beziehungsweise durch einen bunten Nebel aus Gemurmel, Bewegung, Umrissen und Farben. Mehr lässt die Brille Modell „Grauer Star im Endstadium“ nicht zu, die alles hinter eine beschlagene Scheibe setzt. Ich lasse mich an der Hand führen, um nicht noch weitere Personen umzurennen und werde im experimentellen Teil des Museums zum Skispringen, Brückenbauen, Radfahren und Slacklinen geführt.

Jedem kleinen Hindernis meiner Füße komme ich mit den Augen so weit entgegen, dass ich mich bald schon dauerhaft im gebeugten Gang wiederfinde. Nach dem Radfahren bin ich komplett durchgeschwitzt und beim Balancieren auf der Slackline (ein paar Schritte habe ich bisher noch immer geschafft) stoße ich an meine Grenzen und gebe auf. Inzwischen bin ich noch nicht mal 20 Minuten im Anzug.

Kleingeldzählen schwer gemacht

Der nächste Teil wird körperlich leichter, hat aber seine ganz eigenen Tücken: Ich stehe (fiktiv) an der Kasse und soll 18,86€ aus einem Geldbeutel zählen. Den Zehner und den Fünfer finde ich. Aber bei den Münzen kann ich mich weder auf die Augen noch auf meinen Tastsinn verlassen. Die Handschuhe nehmen mir das Gefühl aus den Fingern und ich kann nicht einmal mehr die Größe der Münzen unterscheiden. Würde mir hier bitte jemand helfen? Geht Kartenzahlung? Nein? In diesem Fall bin ich ganz einfach aufgeschmissen.

Ähnlich verloren fühle ich mich bei der Hör-Übung auf einem akustisch simuliertem Bahnsteig. Beim dritten Versuch kann ich mir zumindest zusammenreimen, dass es sich um eine Gleisänderung handelt. Allerdings verstehe ich weder das Gleis, noch habe ich im echten Leben die Chance auf eine Wiederholung der Durchsage. 

Wieder jung

Als ich die Teile des Anzugs wieder ablege, fällt mir der symbolische Stein vom Herzen und Körper. Die Arme sind angenehm leicht, meine Beine können wieder, wie sie wollen. Augen und Ohren sind im ersten Moment sogar fast ein wenig überfordert und überreizt. Rund 30 Minuten hat diese Erfahrung gedauert in der ich nicht wirklich viel gemacht habe. Trotzdem bin ich komplett durchgeschwitzt und ausgepumpt. Ich will mich eigentlich nur noch hinlegen und meine Ruhe haben.

Die Alten, die wir selbst einmal sein werden

25% aller ÖsterreicherInnen sind über 60 Jahre. Im Jahr 2030 werden es bereits 33% sein. Ohne Zweifel steht unsere Gesellschaft dadurch vor großen Herausforderungen. Vor noch größeren Herausforderungen stehen aber die Personen selbst, die mit abbauenden Muskeln, langsamen Bewegungen, gebücktem Gang, Schwerhörigkeit und schlechtem Sehvermögen konfrontiert sind. Ich frage mich, wie viele Menschen genervt hinter mir an der Kasse warten werden und hoffe, dass mir am Bahnhof jemand helfen wird. Wenn mir dieser Ausflug eines gebracht hat, dann das Verständnis für die Alten, die wir selbst einmal werden.

Man wird nicht 80 über Nacht, sondern wächst langsam hinein und lernt, mit den Einschränkungen umzugehen. Gerade wegen dieses schleichenden Übergangs lohnte sich dieser „Ausflug“ für mich und wird mir in Zukunft viele Entscheidungen erleichtern, die die körperliche Fitness, die Gemütlichkeit oder die Gesundheit betreffen. Rad statt Bus, Treppe statt Aufzug, Laufen statt TV-Couchen…Körperliche Fitness ist keine Selbstverständlichkeit. So hat sich auch mein jugendlicher Trugschluss aufgelöst: Mein Großvater fuhr nicht Rad und hämmerte, weil er fit war. Vielmehr war und blieb er fit, weil er ständig Rad fuhr, hämmerte und auch ansonsten ein aktives Leben führte.