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Allen Kindern die gleiche Chance

Sprachbarrieren, Zeitmangel oder zu wenig Platz in der Wohnung: Gerade Kinder und Jugendliche aus sozial benachteiligten Familien oder mit Migrationshintergrund bekommen zuhause oft nicht die nötige Hilfe bei den Hausaufgaben. Hier setzen die Caritas Lerncafés an. Die Einrichtungen bieten kostenlose Unterstützung beim Lernen.

Text: Ines Aufmesser-Waldhuber

Der sechsjährige Adem läuft zu Sonja Dick, Leiterin des Lerncafés Mittersill. Voller Freude zeigt er ihr seine Hausaufgabe und fragt: „Stimmt das?“ Sonja schaut sich die gelöste Aufgabe gewissenhaft durch und sagt dann lächelnd „Ja. Das hast du sehr gut gemacht“. Adem geht stolz zu seinem Platz zurück.

Noch vor drei Wochen hat der kleine Bub geweint, wenn er ins Lerncafé gekommen ist. Die damals noch fremden Betreuerinnen sowie die fremde Sprache haben ihn zu Beginn verängstigt. Das Team konnte jedoch, dank der herzlichen Betreuung, schnell seine Zuneigung gewinnen.

21 Kinder werden im Lerncafé Mittersill drei Mal pro Woche beim Lernen unterstützt. „Unsere Einrichtung steht allen Kindern offen, die Lernbetreuung benötigen“, erzählt Sonja Dick. „Ein Großteil der Kinder hat Migrationshintergrund. Zu uns kommen aber auch Kinder aus sozial benachteiligten österreichischen Familien.“ Die neue Caritas Einrichtung hat Anfang März 2017 geöffnet.

Am frühen Nachmittag kommen die Schülerinnen und Schüler, meist direkt aus der Volksschule oder der Neuen Mittelschule, ins Lerncafé. In kleinen Gruppen erledigen sie ihre Hausaufgaben. Die Betreuerinnen nehmen sich Zeit, um auf die Bedürfnisse eines jeden Kindes einzugehen. „Manche brauchen Hilfe beim Lesen, anderen helfen wir bei der Vorbereitung auf Schularbeiten und Tests“, erklärt Sonja Dick. Um 15 Uhr wird gemeinsam gejausnet. Danach haben die Kinder Zeit zum Spielen, Basteln oder Lesen. Soziales Lernen wird in der Einrichtung besonders gefördert. Dazu gehören freundliche Umgangsformen, teilen oder Aufgaben, wie Aufräumen, gemeinsam zu machen.

Große Entlastung

Wichtigste Unterstützung im Lerncafé sind die ehrenamtlichen MitarbeiterInnen. Sie stellen kostenlos ihre Zeit zur Verfügung, um mit den Kindern zu lernen. Ohne sie könnte das Projekt nicht bestehen. Rosi Sedivy ist eine von ihnen. Die ehemalige Tagesmutter ist vor zwei Jahren in Pension gegangen und freut sich, jetzt wieder stundenweise mit Kindern arbeiten zu können. „Das schönste sind die strahlenden Augen der Kinder, wenn sie etwas geschafft haben“, erzählt Rosi.

Auch Sebastian*, eines ihrer ehemaligen Tageskinder, kommt zwei Mal wöchentlich ins Lerncafé. Er umarmt sie beim Ankommen, denn er freut sich „seine Rosi“ jetzt wieder öfter zu sehen. Sebastian ist zehn Jahre alt und geht in die erste Klasse der Neuen Mittelschule in Mittersill. Obwohl er in der Volksschule recht gut mitgekommen ist, war der Umstieg in die neue Schule für ihn schwierig. Besonders in Englisch und Biologie hatte er anfangs Probleme, hinzu kam ein störender Sitznachbar, der Sebastian dauernd vom Unterricht abgelenkt hat.

„Sebastian war zuhause dann oft wütend und frustriert“, erzählt seine Mutter Maria*. „Er hat auch erst lernen müssen, dass er jetzt mehr für die Schule machen muss und weniger Zeit für anderes hat, wie zum Beispiel sein Fußballtraining.“

Maria ist froh, dass Sebastian einen Platz im Lerncafé bekommen hat. Sie fühlt sich zuhause oft überfordert. Um zum Einkommen der fünfköpfigen Familie beizutragen, arbeitet sie dreißig Stunden in einem Supermarkt. Sie unterstützt ihren Sohn soweit sie kann. Die Mutter von drei Kindern hat jedoch selber nur einen Pflichtschulabschluss und kann daher nur bedingt helfen.

Vererbte Bildungsarmut

„Dass der sozioökonomische Status, aber auch die Herkunft einer Familie einen deutlichen Einfluss auf die schulischen Leistungen der Kinder hat, ist gut erforscht“, so Robert Buggler von der Caritas Salzburg. Er hat im Jahr 2016 eine Studie verfasst, die sich unter anderem mit den Bildungschancen von Kindern befasst. Der Grundstein für Bildung – und damit Bildungschancen – wird bereits im Kindesalter gelegt. Kinder aus bildungsfernen Schichten haben geringere Chancen einen hohen Bildungsstandard zu erreichen, als Kinder aus Akademiker-Familien. „Kinder aus Familien, in denen die Eltern maximal einen Pflichtschulabschluss aufweisen, erreichen zu 26 Prozent die Bildungsstandards nicht. Kinder, deren Eltern einen Universitätsabschluss erreicht haben, betrifft dies nur zu vier Prozent“, erklärt Robert Buggler.

Die Caritas Lerncafés helfen Kindern aus dieser Spirale auszubrechen. Ziel ist es, die Kinder und Jugendlichen rasch so fit zu machen, dass sie Schule, Hausaufgaben und Lernen eigenständig bewältigen können. „Ich freue mich immer, wenn die Kinder wieder Selbstvertrauen haben und voller Freude erzählen, dass sie in der Schule eine Aufgabe richtig gelöst oder einen Test gut gemacht haben. Dann weiß ich, wir haben alles richtig gemacht.“ so Sonja Dick.

*Name wurde von der Redaktion geändert.

Die Caritas betreibt im Land Salzburg fünf Lerncafés – zwei in der Stadt Salzburg, zwei im Pinzgau (Zell am See und Mittersill) und eines im Pongau (Bischofshofen).

Finanziell unterstützt werden die Lerncafés Taxham, Mittersill und Bischofshofen vom Land Salzburg, die Lerncafés in der Stadt Salzburg zusätzlich von der Stadt Salzburg. Das Lerncafé Mittersill und das Lerncafé Zell am See werden auch von der „The Coca-Cola Foundation“ unterstützt. BMEAI-Förderung erhalten die Lerncafés in Salzburg (Itzling und Taxham) und Zell am See.

In den Lerncafés in Salzburg arbeiten insgesamt sechs hauptamtliche Mitarbeiter und rund 50 freiwillige HelferInnen.

Insgesamt werden in den Einrichtungen rund 100 Kinder betreut. Die Einrichtungen richten sich in besonderem Maße an Kinder mit Migrationshintergrund.

Die Auswahl und Begleitung der SchülerInnen erfolgt in Kooperation mit den Schulen der Umgebung.

 


Dieser Artikel ist im Standpunkt. erschienen, dem Magazin der Caritas Salzburg. Sie können Standpunkt. kostenlos abonnieren und bekommen es frei Haus zugeschickt.