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„Die beste aller Welten“ – in Salzburg-Liefering

Existenzielle Armut, eine drogenabhängige Mutter und ständige Sorge – Adrian Goiginger hat all das als kleiner Bub am eigenen Leib erfahren. Wieso er trotzdem bis heute sagt, dass er in der „besten aller Welten“ aufgewachsen ist, in einem Umfeld von Liebe und Abenteuer, darüber hat er einen Film gemacht.

Der Salzburger Adrian Goiginger hat auf der vergangenen Berlinale, einem der wichtigsten Kinofilm-Events in Europa - mit seinem Debüt-Film „Die beste aller Welten“ für Furore gesorgt. Er gewann den Preis „Perspektive Deutsches Kino“, avancierte zum Medienliebling und der junge Regisseur und Drehbuchautor kann sich seine Verleiher seither aussuchen. Das Thema des autobiografischen Films: Adrians Kindheit in Salzburg-Liefering, die von außen betrachtet schrecklich aussieht – für ihn aber durch die Liebe seiner heroinabhängigen Mutter - wunderschöne Erinnerungen birgt.

Wir treffen den Filmstudenten, der gerade wieder von Deutschland nach Salzburg zieht, mit seiner Frau Anna im Café Wernbacher in der Franz-Josef-Straße. Er sticht kaum aus der Menge der jungen Leute heraus mit seiner Lederjacke, den lässigen Jeans und der windzerzausten Frisur. Die beiden waren auf der Durchreise zu den Schwiegereltern in Oberösterreich und haben eigens für das Interview einen Zwischenstopp eingelegt. Eines fällt dann doch auf: Adrian und Anna erwarten Nachwuchs. Umso mehr freut es uns, dass sie für das Standpunkt-Interview den Umweg in Kauf genommen haben.

Deine Mutter Helga ist ja vor ein paar Jahren an Krebs gestorben. Wäre sie stolz auf den Film, in dem sie eine ganz zentrale Rolle spielt?

Adrian: Die Frage habe ich mir auch schon oft gestellt. Also, sie wäre sicherlich stolz auf mich. Dass ich das so geschafft habe. Auch auf die Preise, die der Film gewonnen hat. Aber sie war ein unglaublich bescheidener und sehr zurückhaltender Mensch, eine Person, die sich bewusst im Hintergrund gehalten hat. Sie war nie gerne im Mittelpunkt. Sie mochte es auch nicht, wenn an Geburtstagen für sie gesungen wurde. Darum wäre es ihr wahrscheinlich ein wenig unangenehm gewesen, so im Scheinwerferlicht zu stehen. Der Film ist ja schon sehr auf sie fixiert.

Wenn man den Film ansieht, hat man das Gefühl, du hattest eine glückliche Kindheit. Würdest Du das heute auch noch so sagen?

Adrian: Ja, in jedem Fall!

Salzburg ist – von außen betrachtet – glamourös, wohlhabend und vor allem gutbürgerlich. Du hast die Stadt allerdings aus einer ganz anderen Perspektive kennen gelernt. Liefering gilt als hartes Pflaster. Was magst Du an diesem ‚anderen‘ Salzburg?

Adrian: Für mich war das, was Du jetzt das ‚andere‘ Salzburg nennst, ja normal. Das, was ich von jeher kannte. Fremd war das, wo wir jetzt sitzen, also zum Beispiel das Andräviertel. Erst recht das touristische Getreidegassen-Salzburg. Da habe ich mich auch nicht wohl gefühlt. Mir war Liefering vertraut, da bin ich aufgewachsen. Ich mag auf jeden Fall die Offenheit, die Authentizität in meiner Welt. Da reden die Leute so, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Es wird nichts beschönigt. Und wenn man jemanden beschimpft, dann beschimpft man ihn halt. Da man muss nichts reininterpretieren, sondern da fallen deutliche Worte (lacht).

Die beste aller Welten

Trailer zum Film

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Wie hast du die Menschen dort empfunden?

Als echt. Man geht raus, wie man gerade ist – in Jogginghosen und Shirt. Ich mag auch die Freiheit, die damit einhergeht. Es hat ja keiner gearbeitet, alle sind ständig da und verfügbar. Man hört oft von Kindern aus der Mittelschicht, dass sie damit zu kämpfen haben, dass ihre Eltern nicht greifbar sondern voll in der Arbeit eingespannt sind. Dass sie einfach keine Zeit für ihre Kinder haben. In meinem Fall war es das genaue Gegenteil: Es waren immer alle da, denn sie waren ja meistens arbeitslos. Und ehrlich – das ist cool. Es war immer etwas los, wir waren ganz oft an der freien Natur, haben Lagerfeuer an der Salzach gemacht. Es war wirklich ein Abenteuer.

Und was mochtest Du nicht an Deiner Welt?

Adrian: Die wirklich existenzielle Armut, in der wir gelebt haben. Das merkt man mit sechs oder sieben noch nicht – aber mit zehn Jahren und später wird es dann sehr deutlich und auch bitter. Es fehlte an vielem - Kleidung, Spielsachen, ordentliches Essen. Meist gab es Nudeln mit Ketchup. Urlaube gab es dafür so gut wie nie. Da ich keinen Schlitten besaß. gab mir meine Mutter einmal eine Metallplatte von unserer Heizung mit, auf der ich dann den Hügel runtergefahren bin. Das war lustig und traurig zugleich. Wären wir noch ärmer gewesen, hätten wir wahrscheinlich die Wohnung verloren! Und so im Alter von zehn oder elf fängt man an, sich mit den anderen Gleichaltrigen zu vergleichen. In meinem Fall hieß das: ich war immer der Ärmste von allen, habe nie was gehabt. Das hat dann schon genervt.

Im Film kommt dieses „Genervt-sein“ allerdings nicht rüber. Ist das so beabsichtigt?

Adrian: Ja klar, weil er noch die Zeit abbildet, in der ich sechs oder sieben war – da vergleicht man noch nicht so. Bis ich zehn oder elf war, habe ich die Armut so nicht realisiert. Sie hat keine so große Rolle gespielt.

Wie war es dann, als du entdeckt hast, dass du bei vielen Dingen nicht mithalten kannst, dass du durch eure Armut von vielem ausgeschlossen bist? Gab es da Wut und Neid?

Adrian: Klar, gab es! Natürlich. Ich überlege gerade, ob ich eher zornig war auf die Situation oder auf meine Mutter… Nein, ich war nicht zornig auf Helga, habe ihr keine Vorwürfe gemacht. Die ganze Situation hat mich einfach genervt – und vor allem war ich neidisch! (grinst verlegen). Aber wie gesagt, das kam erst später.

Du gehst mit allen Personen – sogar mit den Autoritäten und Beamten die euch und eure Wohnung regelmäßig prüfen– ausgesprochen fair und liebevoll um. Es gibt zwar Unheimliches im Film, im Grunde aber keine „Bösen“. Woher kommt das?

A: Ich habe das als Kind tatsächlich auch so gesehen. Schau: Keiner ist gerne drogensüchtig. Aber auch die Ärzte sind nicht froh, wenn sie Junkies den Behörden melden müssen. Vor dem Dreh habe ich recherchiert und war im Jugendamt. Da habe ich gespürt: Für die Mitarbeiter dort ist es so ein krasser Schmerz, wenn sie jemandem das Sorgerecht wegnehmen müssen! Das ist überhaupt nicht so, wie man das immer von außen sieht „oh die bösen Beamten im Jugendamt, die nur auf den Fehler einer Mutter warten, damit sie ihr das Sorgerecht entziehen können“. Das ist ganz und gar nicht so. Das tut ihnen richtig weh.

Die Erfahrung habe ich als Caritas-Mitarbeiterin auch schon gemacht. Gerade in den Jugendämtern sitzen teilweise wirklich großartige Leute. Wer ist Dir in Erinnerung geblieben?

Adrian: Ich habe da gerade wieder zwei Mitarbeiterinnen kennengelernt. Die sind so nett – aber manchmal müssen sie einfach einschreiten. Es wäre für den Film einfach schwach gewesen und im Grunde auch zu simpel, hier schwarz-weiß zu malen. Klar hätte man das so darstellen können: Die Jugendamt-Mitarbeiter böse zeichnen – und dann wäre ja klar, dass die arme Helga wieder rückfällig werden muss. Aber so war es ja nicht. Dass sie ohne die Schuld anderer wieder zur Droge gegriffen hat, darum geht es ja auch. Das zeigt, wie unheimlich stark die Sucht ist. Man wird nicht rückfällig, weil irgendeine schlechte Erfahrung kommt. Man wird rückfällig, weil man süchtig ist. Weil man eine innere Leere in sich hat. Es braucht nicht mehr, um wieder rückfällig zu werden.

Trotzdem: Die Welt, die deine Mutter dir mit ihren Geschichten vermittelt hat, war ja eine sehr phantasievolle. Mit Zaubertränken und Geheimnissen. Wie ist sie eigentlich aufgewachsen? Hatte sie Träume und Ziele?

Adrian: Nein, sie hatte schon viel ausgeträumt, leider. Sie ist schon mit 14 oder 15 in eine ganz schwere Depression gefallen. Sie hat ihr Zimmer schwarz angemalt, ist dann von zuhause im Pinzgau nach Wien abgehauen und hat ganz bewusst und gezielt angefangen, Drogen zu nehmen. Dann hat sie meinen leiblichen Vater kennen gelernt, der 16 Jahre älter war als sie. Er ist an einer Überdosis gestorben, als sie mit mir schwanger war. Also, da hat’s keine ruhige Phase in ihrem Leben gegeben.

Weißt Du, welchen Sinn sie in ihrem Leben gesehen hat?

Adrian: Das fragt der kleine Adrian sie ja auch im Film – und sie hat keine rechte Antwort darauf. Ihr „Sinn“ damals war es, Mutter zu sein. Sonst hat sie nichts gehabt. Ich finde heute, das ist auch nicht gesund.

Aber so hast du von ihr alles bekommen, was sie zu geben hatte. Trotzdem gab es auch schlimme Momente für dich, wie man im Film sieht. Hattest Du – aus heutiger Sicht – als Kind mehr Angst, als Kinder Deiner Ansicht nach haben sollten?

Adrian: Eindeutig ja! Definitiv. Die Angst war ganz ein zentrales Element meiner Kindheit. Vor allem die Angst, dass die Mutter stirbt. Das war absolut krass, ich hatte echte, reale Todesphantasien. Wenn sie gesagt hat, sie ist um vier zuhause und sie war um fünf noch nicht da, dann habe ich vor meinen Augen gesehen, wie sie überfallen wurde oder tot im Straßengraben liegt. Da habe ich natürlich sofort zum Heulen angefangen. Alles in meinem Leben war ja auf sie fixiert – und ich wäre in meiner Vorstellung verhungert und gestorben, wenn sie weg gewesen wäre. Auch emotional war das ungeheuer schwierig. Ich habe schon mit sieben Jahren über das Leben nachgedacht, über Vergänglichkeit, über den Tod. Das ist nicht gesund.

Welche Lösung für eure Probleme hätte sich der siebenjährige Adrian gewünscht?

Adrian: Ich weiß nicht. Damals als Kind habe ich nicht wirklich verstanden, was eigentlich los war. Für mich war es normal, dass die Erwachsenen zum Beispiel beim Essen einfach einschlafen. Man kennt es ja nicht anders. Ich dachte, das gehört zum Erwachsen-Sein. Als Erwachsener führt man ein anstrengendes Leben – und da schläft man halt müde beim Essen ein. Ich wusste ja nicht, dass das durch das Heroin kam.

Aus heutiger Sicht: Was hat euch gerettet?

Adrian: Irgendwie war es auch aus heutiger Sicht einfach die einzige Lösung, dass sie durch ihren Glauben, durch Gott, wieder einen Sinn gefunden hat und clean wurde. Alles andere hat ja nicht funktioniert. Nicht die 30 Entzüge, die sie gemacht hat. Denn selbst, wenn die körperlich funktioniert haben, war ja bei ihr dann immer psychisch diese Leere da. Dann war sie mal drei Wochen clean und hatte dann wieder einen Rückfall, weil da diese Leere war. Als ich acht war, ist sie ja clean geworden. Ab da bin ich dann relativ normal aufgewachsen. Da waren wir zwar auch sehr arm – aber nicht mehr so existenziell wie vorher. Als Teenager habe ich mich von meiner Kindheit eher distanziert, da war mir alles so unangenehm. Ich wollte nicht drüber reden, da habe ich einfach noch mehr Abstand gebraucht.

Die wichtigste meiner Fragen ist ja schon beantwortet: Möchtest Du Papa werden? Anna und Du – ihr erwartet ein Kind. Wie stellt ihr beide euch die „beste aller Welten“ für eure Tochter vor?

Adrian: Ich kann‘s ganz einfach beantworten: Es hat nichts mit materiellen Dingen zu tun. Es geht einfach darum, bedingungslose, grenzenlose Liebe zum Kind zu haben. Das ist alles, was ein Kind braucht. Im Grunde braucht‘s keine Schuhe, kein besonders nahrhaftes Essen, keine tolle Kleidung – das ist natürlich super, wenn es das hat. Aber BRAUCHEN tut es nur Liebe von den Eltern.

Anna: … und Aufmerksamkeit!

Adrian: Ja, genau. Und wenn man liebt, gibt man auch Aufmerksamkeit. Das ist so das Wichtigste, was ich als Papa machen möchte.

Anna: Liebe und Aufmerksamkeit – wir haben da auch öfter schon drüber geredet. Ein Kind hat doch immer unheimlich viele Fragen. Und das Schlimmste ist doch, wenn es aufhört zu fragen, weil die Eltern nicht drauf eingehen. Für uns macht es die „beste aller Welten“ eben aus, dass wir die Fragen ernst nehmen und unserem Kind Aufmerksamkeit schenken. Das haben wir uns vorgenommen.

Adrian: Ich hab’s ja am eigenen Leibe erlebt. Wenn man es jetzt von außen betrachtet, habe ich eine richtige Horrorkindheit gehabt. Aber in meiner Erinnerung war meine Kindheit wunderschön, weil meine Mutter immer für mich da war. Ich habe mit allem zu ihr kommen können, sie hat mir alle Fragen beantwortet, sie hat gespielt mit mir. Alles! Das macht ein Kind zu einem glücklichen Kind. Und für mich ist relativ klar, wie wir das angehen sollten…

Das Interview führte Ute Dorau. Alle Bilder (c) RitzlFilm