Ägyptens vergessene Kinder

Interview. Claudia Prantl, die Leiterin der Auslandshilfe der Caritas Salzburg, über die Situation von tausenden Kindern, die auf der Straße zuhause sind.

Wie kommt es zu dem „Phänomen“ der Straßenkinder?

Claudia Prantl: Das Ägypten von heute steht vor zahlreichen Herausforderungen. Die Wirtschaft ist geschwächt, die Menschenrechtssituation besorgniserregend. 42,7 Prozent der Bevölkerung lebt unter der Armutsgrenze. Laut einer UNICEF Studie leben rund 10 Millionen Kinder in Armut. Zu dieser schwierigen wirtschaftlichen Lage kommt, dass 90 Prozent der Kinder in Ägypten gewaltvoller Erziehung ausgesetzt sind. Die Kinder und Jugendlichen fliehen vor Armut, Vernachlässigung und Gewalt in ihren Familien und landen auf der Straße, ungeschützt und vielen Gefahren ausgesetzt.

Wer kümmert sich um diese Kinder?

Der Großteil der Kinder, die auf den Straßen Alexandrias und Kairos leben, ist völlig auf sich alleine gestellt. Das bedeutet, dass die Kinder eine Kindheit ohne Liebe erleben. Ohne eine Mutter, die sie tröstend in den Arm nimmt, wenn sie traurig oder krank sind. Es sind mehrere tausend Straßenkinder, genaue Zahlen gibt es nicht. Für die Regierung sind sie unerwünscht und gelten als Kriminelle. Nachhaltige Ansätze, um den Kindern zu helfen, sind von Seiten der Öffentlichkeit kaum zu erwarten. Deshalb sind Projekte und Einrichtungen von NGOs, für diese Kinder so unendlich wertvoll.

Im Streetwork-Bus werden Entzündungen, Verletzungen und Krankheiten unbürokratisch behandelt.

Wie kommt die Unterstützung aus Salzburg an?

Mit Hilfe aus Salzburg ist an den Hotspots Alexandrias regelmäßig ein Streetworkbus im Einsatz. Der Bus ist eine wichtige Anlaufstelle, an der die Kinder und Jugendlichen verarztet und von SozialarbeiterInnen betreut werden. Sie erfahren von den anderen Hilfsangeboten der Caritas, wie der Notschlafstelle oder dem Tageszentrum: Duschen, frische Kleidung, ein warmes Essen und ein wenig Erholung – dort können die Kinder wieder Kraft tanken. Unsere Betreuten Wohngemeinschaften, für Mädchen und Buben getrennt, bedeuten für viele so etwas wie ein neues Zuhause, einen Start in ein neues Leben.

Es leben auch Mädchen auf der Straße?

Etwa 90 Prozent der Kinder in unseren Einrichtungen sind Buben von sechs bis 18 Jahren. Aber ja, es gibt auch Mädchen, die auf der Straße leben und leider werden es immer mehr. Die Mädchen sind besonders gefährdet und verwundbar. Aktuell wohnen rund 30 Mädchen längerfristig in unserer Wohngemeinschaft. Die jüngste von ihnen ist die achtjährige Shahenda, die mit ihrer Mutter auf der Straße lebte.

Oder die 15-jährige Mena, die fortgelaufen ist, weil sie zwangsverheiratet werden sollte.

Wie finden Straßenkinder wieder Halt und eine Perspektive?

In erster Linie durch einen strukturierten Tagesablauf, eingebettet in ein Umfeld von Respekt, Fürsorge
und Geborgenheit. Neben umfassender Versorgung steht den Kindern und Jugendlichen ein Therapie- und Rehabilitationsprogramm zur Verfügung. Maßgeblich ist, dass die von uns betreuten Kinder ihre Würde zurückerlangen und wieder in die Schule gehen oder eine Berufsausbildung machen.
Der Zugang zu Bildung ist der Schlüssel zu einem besseren Leben – das zeigt sich in vielen unserer Projekte für Kinder im Nahen Osten.

 

Seit vielen Jahren betreut und koordiniert die Caritas Salzburg Projekte in Ägypten, die nur dank Spendengelder möglich sind. Bitte unterstützen Sie diese nachhaltige und wichtige Arbeit und verhelfen Sie jungen Menschen zu einer aussichtsreichen Zukunft. Jede Spende kann viel bewirken.