Bericht Dr. Rainer Aufschnaiter
Erstaunlich und überraschend
Der spät-nächtliche Anflug auf Beirut setzt wohl Zeichen für eine ganze Reihe von Ereignissen, die für eine Woche vor uns liegen.
Über viele Kilometer fliegen wir an einer hell erleuchteten Küstenlandschaft entlang. Das gibt’s ja wo anders auch. Hier aber so überraschend, wie weit und ohne Unterbrechung die Beleuchtung die von der Küste ansteigenden Berghänge hinaufreicht.
Dicht besiedelt und erstaunlich großzügig ins rechte Licht gesetzt.
Erste Eindrücke
Nachdem wir durch den hochmodernen Flughafen durchgeschleust waren, empfing uns bereits Stefan Maier mit einem mittelgroßen Bus und Fahrer, um unsere kleine Reisegruppe zu unserem Quartier nach St. Joseph in Ajeltoun zu bringen.
Im Bus gibt er uns ein paar wichtige Hinweise mit erstaunlichen Zahlen.
Der Libanon, nicht größer als ungefähr Tirol, ebenfalls sehr gebirgig, allerdings leben hier ca. 10 mal so viele Einwohner, nämlich 4,5 Millionen (gleich fragt man sich "...wo haben denn die alle Platz?"), und davon alleine in Beirut ca. 1,3 Millionen ( auch nicht zu vergessen, die weltweit verstreut lebenden zusätzlichen 12 Millionen Libanesen!). Beirut ist Ballungsraum für Wirtschaft und Wohlstand, es gibt viele arme Gegenden. Alle Libanesen fühlen sich als Abkommen der Phönykier und daher nicht als ursprüngliche Araber. Die sehr lange Zeit der französischen Präsenz hat natürlich starke Spuren hinterlassen, unter anderem etwas, was recht so nebenbei klingt, dass die meisten Menschen hier tatsächlich zweisprachig arabisch-französisch aufwachsen, aber was zu etwas sehr erstaunlichem führt: bereits als Kinder zwei komplett unterschiedliche Modelle von Schriften und Ausdrucksweisen im Kopf führt zu gesteigerter Fähigkeit von vernetzter Vorstellungskraft. "Die Libanesen behaupten, die besten Kaufleute der Welt zu sein".
Eines macht Stefan Maier im Bus bereits sehr klar: "Vergesst hier Europa, obwohl vieles danach aussieht, hier ist absolut ORIENT; die Denkweise ist anders, auch wenn sie in den Gesprächen europäisch klingt. Wichtig ist auch, zu verstehen und zu akzeptieren, dass hier Clans das Sagen haben. Was der Clan-Führer meint und tut gilt als Vorbild und Vorschrift für den Clan."
1000 m über Beirut
Unser Quartier liegt auf ca. 1.000 m hoch über Beirut. Wieder erstaunlich, wie wir immer aufwärts durch wohlbeleuchtete Wohngebiete fahren, scheinbar ohne Unterbrechung bzw. ohne zu erkennen, wo die unterschiedlichen Orte aufhören bzw. beginnen. Vorbei an einer überraschend hohen Anzahl von halbfertigen Häusern und Betongerippen (nicht Ruinen aus dem Bürgerkrieg, sondern auf eine offensichtlich andauernde und immer wieder unterbrochene Bautätigkeit hinweisend), vorbei an starken Abwechslungen von sehr wohlhabend und großer Armut, vorbei an spät Nachts geöffneten Läden und Werkstätten, vorbei an gepflegter Reinlichkeit wie auch an überhäufter Schmuddligkeit, vorbei an grauen Häuserzeilen wie auch an von Blumen überquellenden Gärten, vorbei an ausgesprochenem Luxus und gleich daneben liegenden eingezäunten Elendsquartieren "vollgepfercht" mit über 20.000 Palästinensern......und dann weit hinter uns unten an der Küste Beirut, die Stadt der sozialen und religiösen Extreme, die sich mühsam und doch erstaunlich rasch seit dem Bürgerkrieg wieder ein eigenes Stadtgesicht von begabten Architekten einrichten lasst
(ca. 75 % des Stadtinneren waren entweder kaputt- oder abbruchreif-geschossen).
Angekommen in unserem Quartier bei den Barmherzigen Schwestern in Ajeltoun öffnet sich der große Schulhof des Waisenhauses und am Weg zu unseren großräumigen, voll ausgestatteten und doch einfach gehaltenen Zimmern höre ich einen Mitreisenden murmeln "...na so was, so einen derart gut geordneten und aufgeräumten Schulhof findst bei uns net so leicht....wirkt echt vertrauensvoll...."
Sehr spät (oder sehr früh?) kommen wir an diesem Ankunftsabend zu Bett, diese ersten Eindrücke zeigen mir jedoch klar, wo’s bei unserem Besuch lang geht: große geschichtliche Umbrüche sind hier im Land versteckt, man lebt mit großen sozialen Unterschieden und in einem Nebeneinander von hochmodern und weit rückständig. Ein Land mit Spannungsfeldern, wo Emotionen vorherrschen.
Also Augen und Ohren auf, um Eindrücke zu sammeln.
Bessere Zukunftschancen durch Ausbildung
In diesem Nachbericht geht es mir daher weniger um die Beschreibung von den besuchten Projekten, Orten und Veranstaltungen, sondern mehr darum, was diese Reise an Gedanken und Eindrücken mit sich gebracht hat.
Die Projekte wurden ja im Einzelnen schon des öfteren hier beschrieben.
Die Reise sollte einen guten Überblick zur Situation der Caritas-Projekte geben.
Dabei blieb uns der Eindruck von hervorragend geführten Einrichtungen, die in einem emotionell brisanten Umfeld eines ganz besonders auf ihre Fahnen geschrieben haben: gib der Jugend ein zu Hause und eine der bestmöglichsten Ausbildungschancen. Sie soll in der Lage sein, in der Zukunft nicht ein Gegeneinander sondern ein Miteinander der religiösen Gruppierungen im Lande aktiv zu unterstützen und zu erleben.
Resultat für alle aus unserer Reisegruppe: hier ist Spendengeld hervorragend und vorbildhaft eingesetzt.
Zwischen den Besichtigungen von Projekten und den damit verbundenen Veranstaltungen war in die Reise der Besuch von Kulturdenkmälern und Kulturlandschaften hineingemischt:
Byblos - älteste Stadt der Welt, Hain der letzten Zedern bei Bcharré, Melkitische Kathedrale St. Paul, Marienwallfahrtsort Harissa, Bekaa-Ebene - mit ihren ca. 120 Km Länge Inbegriff von fruchtbarer Landwirtschaft, Baalbek - die in ihrer Mächtigkeit unfassbaren Bauten aus der Römerzeit, Aanjar - die geheimnsivolle Stadt der Omayyaden, Beit Eddine - der Emir-Palast im Choufgebirge......diese Mischung ergab in intensiver doch besonders anregender Art Einsicht in die erstaunliche Geschichte dieses Landes und natürlich auch in die Extreme zwischen den christlichen und islamischen Bevölkerungsanteilen.
Nicht zu vergessen auch die Einladungen zu den Veranstaltungen, den Darbietungen von Kindern und Jugendlichen, den Mittags- oder Abend-Tischen, alles anlässlich der Projektbesichtigungen.
Sie haben uns Erlebnisse von sehr offener Gastfreundschaft, herrlich überschwänglich orientalischer Esskultur, fröhlicher Kindergesichter und wissensbegieriger Jugendlicher gebracht.
So eine Reise mit allen Facetten!....wie kann’s denn besser gehen?
Kein soziales Sicherheitsnetz
Zum Überblick in Bezug auf die Situation des Landes trug in besonders angenehmer Form auch der Empfang und Abend in der österreichischen Botschaft bei. Ich möchte ihn hier spezifisch anmerken, insbesondere da der kurze und doch so prägnante Vortrag des österreichischen Botschafters Dr. Georg Mautner-Markhof für ein Verständnis des Libanon und seiner Menschen eminent wichtig war. Die Hinweise auf die traditionsgebundene und doch so labile Zusammensetzung der Regierung, aufgeteilt auf die drei wichtigsten religiösen Lager, die tiefverwurzelte Clan-Gehorsamkeit, die widersprüchlichen ausländischen Interessen und die extremen Positionen einzelner Scharfmacher, die den Libanon zum Exerzierplatz von Machtspielen werden lassen, machten verständlich, dass die scheinbar friedliche Situation nur vorübergehend sein kann. Immer klarer wurde, wie sehr der Einzelne, sozial bedürftige, hier auf Hilfe angewiesen ist. Dabei überraschte uns Europäer, die wir uns sozial so wohlig aufgehoben fühlen, eine besondere Kernaussage: im Libanon gibt es kein soziales Sicherheitsnetz, wer - unabhängig vom Alter - Pech hat und sozial abstürzt, fällt ins Bodenlose. Am ärgsten trifft es dabei natürlich Kinder und Jugendliche.
In einer derartigen Situation ist die Arbeit der unter Führung von Stefan Maier von der Caritas Salzburg unterstützten Projekte von lebenswichtigem Wert.
125 Jahr-Feier der Technischen Schule
Erstaunlich und nicht überraschend, wie stark bei den Projekten auf die Hilfe der österr. Caritas Bezug genommen wird und wie sehr erwähnt wird, dass ohne die Unverwüstlichkeit von Stefan Maier das ganze nie diesen positiven Verlauf genommen hätte.
Ohne dass die betroffenen Menschen dazu aufgefordert werden, bringen sie in sehr natürlicher Form zum Ausdruck, welchen Dank sie nicht nur gegenüber der Caritas Salzburg, sondern gegenüber allen Menschen, die dahinterstehen empfinden. "L’Autriche" ist bei den Menschen der Projekte der Begriff für Hilfe und Unterstützung.
Es war der 1. Mai, den ich in diesem Zusammenhang hervorheben möchte: wir waren Gäste bei der 125-Jahr Feier der Technischen Schule St. Joseph der Lazaristen in Bhersaf. Das Wetter begleitete in bester Festtagsstimmung den Leiter der Schule Père Ziad durch diesen seinen großen Tag. Ein bescheiden wirkender Mensch mit schier unermüdlicher Energie, gut spürbarer Führungsqualität und angenehmen Humor.
Wir waren nicht nur Gäste: einerseits nahm in den Ansprachen die Bedeutung der Hilfe seitens Caritas Salzburg einen großen fast bestimmenden Part ein, andererseits wurden einige unserer Mitreisenden persönlich mit großen Ehren und Preisen bedacht!
Da das Fest auch mit einem Tag der offenen Tür verbunden war, konnten wir in sehr lebendiger Form erleben, was hier mit Spenden und Unterstützung aus Salzburg für die Fortbildung von Jugendlichen geschaffen wurde. Wieder ein Beispiel von hohem Wert.............und dann auch mitzuerleben, wie offensichtlich aufgeregte Schüler ihren anwesenden Eltern die Schulungsräume zeigten und die Arbeitsplätze samt Werkzeugen zur Erlernung handwerklicher Berufe erklärten oder die aus der Schulwerkstatt stammenden und zum Verkauf bestimmten Produkte wie Möbelstücke oder vorzügliche Konditorerzeugnisse anboten.
Da bekamen wir Reiseteilnehmer wieder einen guten Eindruck davon, wie hier Jugend auf qualifizierte Berufe für die Zukunft im Libanon vorbereitet wird.



