Bericht Harald Brodnig, Kronenzeitung

Die Narben auf meiner Haut

Zwei Jungs

Sie heißen Ahmed, Abdul, Reda, Yussuf, Sherif, Mustapha, die meisten aber Mohammad. Mohammad bedeutet "Friede sei mit ihm". Ihre Namen kennen sie, ihr Alter kaum und Frieden ist ihnen fremd.
Das Leben der Straßenkinder in Ägypten ist ein täglicher Kampf ums Überleben. Und kaum ein Pflaster ist härter als das in Kairo und Alexandria.
Allein in der Vier-Millionen-Stadt am Mittelmeer, 40 Kilometer lang und nur wenige Kilometer breit, sind es 3000. In der 16-Millionen-Metropole Kairo zwangsläufig weit mehr. Offizielle Zahlen gibt es keine. Ebenso wenig wie organisierte staatliche Hilfe oder Regierungsprogramme.

Geflohen vor der häuslichen Gewalt

Zwei Jungen beim Malen in einer Zufluchtsstätte.

Ahmed ist einer von ihnen. Er sieht aus wie der junge Omar Sharif. Nur die Zähne sind kaputt, beileibe nicht die einzige Folge mangelnder Ernährung und fehlender medizinischer Versorgung. 17 sei er, schätzt er.    An sein Elternhaus kann er sich erinnern, auch wenn Trauer und jahrelanges Schnüffeln am Klebstoff sein Gedächtnis trüben. Ich habe es verlassen, sagt Ahmed.
Zuviele väterliche Schläge, sagt er. Einmal, es war das letzte Mal, holte ihn die Mutter von der Polizei ab. Familiäre Schande wiegt hier schwerer als Mitleid. Die Mutter band den Sohn an einen Stuhl und übergoss ihn mit Benzin. Ahmed überlebte, doch das Feuer verbrannte mehr als seinen Körper. Die Narben auf meiner Haut, sagt er, die tun jetzt nicht mehr weh.  Ich konnte lange nicht sprechen, sagt Ahmed. Wie er heute, Jahre danach, über seine Mutter denkt?
Ich liebe sie, sagt Ahmed.  Und das Zuhause, dort wäre er beschützt gewesen, davon träumt er und weiß, dass es verloren ist. Nachts deckt er sich mit Zeitungen zu, wenn er sich am Bahnhof Sidi Gaber unter einer Bank verkriecht. Wenn keine Zeitungen herumliegen, nimmt er was er findet. Eine Autoplane ist ein Glücksfall. Meistens aber findet er nichts.
Schüttelt Ahmed einem die Hand, verrutschen seine löchrigen Fingerlinge und seine verwundete Haut ist zu sehen. Ich will einmal Tischler werden, sagt er. Dann geht er wieder hinaus in die Nacht, auf der Suche nach einem Schlafplatz. Auf die Straßen, die Shari Faransa, Salah Salem und Al Horreya heißen.
Mit ihm gehen seine Freunde. Sie alle haben schwarze Augen, in denen allen Geschichten wie die von Ahmed stehen.  Du hast die totale Freiheit, sagt Ahmed über das Leben auf der Straße: Sex, Gewalt, Alkohol, du kannst alles tun. Ein Zuhause ersetzt es ihm nicht.

Zukunft trotz schwieriger Vergangenheit

Sherif, sagt Hany Maurice, der sich für die Straßenkinder in Alexandria einsetzt, Sherif ist besonders feinfühlig und blitzgescheit. Fußballspielen kann er auch. Vielleicht so gut wie sein Namensvetter Sherif Ekramy, der in Kairo geborene  und bei Feyenoord Rotterdam berühmt gewordene Star.
Brigitte Trnka, ORF-Redakteurin und Schirmfrau der Caritas-Projekte, hat einen goldenen Fußball aus Salzburg mitgebracht. Sherifs Können bleibt unentdeckt, auch wenn er sich als Kicker an den Autos misst, die links und rechts an ihm vorbeirasen.
Das Geschenk und gottlob er selbst bleiben unversehrt. Dass jedem das Herz stockt, dem Schrecken setzt er sein Lachen entgegen.

Neue Erfahrungen für unsereins. Und dass Sherif, gleich wie Abdul oder Yussuf, uns froh die Schokolade anbieten, die wir ihnen kurz zuvor in die Hand gedrückt haben, beschämt. So tief, dass es bleibt. Es schmerzt wie die Erkenntnis der Hilflosigkeit. Bitter und nachhaltig.

Die Tatente der Kinder werden gefördert

Im ersten Raum läuft der Fernseher, eine Folklore-Sendung. Ein Musikantenstadl auf ägyptisch. Nebenan liegen die Duschen. Der Schweiß der Straße lässt sich aber auch mit Seife und Wasser nicht abwaschen. Ein Geruch als immerwährender Makel.
Nebenan sitzt Mohammad, er ist 15, allein an einem Tisch. Mit der Hingabe des Künstlers bastelt er eine Papierschlange. Er ist ein Origami-Meister, sagt Hany Maurice. Sein Werk ist wiederum Geschenk. Die Furcht, dass sein zartes Gebilde den Heimflug nicht übersteht, behalten wir für uns. Unsere Freude nimmt er dankbar als seinen Lohn.   Mohammad zeigt stolz auf ein Regal. Dort stehen seine anderen Arbeiten, eine kleine Schildkröte und eine Palme sind darunter. Ich kann auch Korbflechten, sagt er und bringt uns sein Geflecht aus Weidenzweigen. So groß, wie vielleicht das Behältnis war, in dem Moses einst im Nil trieb.

Schreiben habe ich auch gelernt, sagt Mohammad, und essen . . . !
Heute hat er getöpfert. Morgen wird er wieder ein Bild malen. Für seine Mutter, die es nie sehen wird. An der Wand hängen bereits einige. Mohammad malt immer das gleiche Bild: Eine Sonne, die im Wasser versinkt. Hany Maurice lächelt und streicht Mohammad über den Kopf. Er hat sich älter gemacht als er ist, sagt Betreuer Maurice, er ist mit Sicherheit keine 12 Jahre alt. Seit drei Jahren schon streunt er durch Alexandria. Und das weiß auch Mohammad genau.
Manche sind erst sechs Jahre alt, sagt Hany Maurice, wenn sie das erste Mal auf die Straße gehen. Wir hören und sehen es, und können es doch nicht glauben.


Harald Brodnig

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