Berichte Christina Gastager-Repolust

Jetzt bin ich Unternehmerin

"Ohne den Kredit der Caritas hätte ich nicht weitermachen können, im vergangenen Monat habe ich sogar mein Angebot vergrößert", freut sich Salwa Zekry, Eine Waschmaschine in der Küche ist praktisch, oft gibt es keinen besseren Platz für dieses kostbare Haushaltsgerät. Aber schön sieht sie im Koch- bzw. Essbereich nicht aus, überlegte sich Salwa Zekry in Alexandria/Ägypten. Sie ist eine Frau der Tat, nach dem Tod ihres Mannes sorgt sie für ihre beiden Kinder, am liebsten ist ihr eine Arbeit zu Hause. Sie beginnt zu nähen, die Nachbarinnen kaufen ihre originellen Kreationen, auch die Verkleidung aus bunten Plastikstoffen für die Waschmaschine sowie diverse Schürzenmodelle. Vom Entwurf bis zum fertigen Produkt achtet sie auf Qualität und Originalität, mittlerweile unterstützen sie ihre Tochter und ihr Sohn bei ihren Geschäften.

Ein Webstuhl als Existenzgrundlage

Vor allem Witwen, kinderreiche Familien, landlose Bauern und Erwerbsunfähige leben in Ägypten in absoluter Armut. "43,9 % der Ägypter müssen mit weniger als zwei Dollar pro Tag auskommen, die Unterstützung durch Verwandte ist wie überall im Abnehmen", schildert Marianne, Mitarbeiterin der Caritas Alexandria uns TeilnehmerInnen der Caritas-Solidaritätsreise die Projektidee "Kleinkreditprogramm", während der Chauffeur den Kleinbus durch die engen Gassen von Alexandria lenkt. Der Bus wird bereits im Viertel erwartet, man ist dort stolz, die Caritas-Mitarbeiter zu kennen. Unabhängig von der Glaubenszugehörigkeit unterstützt das Team der Caritas Ägypten hier Menschen, die ihre Lebensbedingungen mit ihrer eigener Arbeit verbessern wollen. "Die Banken verlangen Sicherheiten, die die Menschen hier niemals gewährleisten können. Da sitzen Menschen in ihren Wohnungen mit unglaublich originellen Geschäftsideen, mit einer enorm hohen Arbeitsbereitschaft und all ihre Ziele scheitern am Geld. Ich rede hier von einer Summe bis zu 2.000 Ägyptischen Pfund, umgerechnet in Ihre Währung sind das 260 Euro.", skizziert die Caritas-Mitarbeiterin "ihr" Projekt. "So ist etwa ein Weber zu uns gekommen, seine Geschäfte laufen gut, wenn er mehr Geld hätte, könnte er mehr Material einkaufen, mehr Teppiche weben und verkaufen. Er hat nicht um Geld bitten müssen, er kam als Kreditnehmer, also als Geschäftspartner, zu uns. Das verändert ihn, macht ihn stolz und selbstbewusst.", erzählt sie uns weiter.

Echte Hilfe zur Selbsthilfe

 Die Laufzeit der Kredite hängen von der Höhe der Darlehen ab und liegen sechs Monaten und zwei Jahren. Bei unserem Besuch beim Weber kaufen wir ihm einige Teppiche ab, er will nicht mehr nehmen als umgerechnet € 2,50 pro Stück, das Geld zählt er schnell zusammen und gibt es der Projektleiterin stolz als Rückzahlungsrate in die Hand, . Durchschnittlich leisten die Kreditnehmer im Rahmen des Kleinkreditprogramms der Caritas Ägypten eine monatliche Rückzahlung von 100 Ägyptischen Pfund. Die Darlehen sind auch bei der Caritas nicht zinsenlos - "das widerspräche dem Grundsatz des Projektes. Zinsen von 12 % jährlich - die ägyptischen Banken verlangen um ein Drittel mehr - decken die Verwaltungskosten des Caritas-Projektes ab. "Wir besuchen die potenziellen Kreditnehmer in ihrer Umgebung und nehmen ihre Daten und Visionen ihres Unternehmens auf. Viele dieser Kleinunternehmer beschäftigen bereits weitere Angestellte, so kann die Zahl der Projektbegünstigten weiter erhöht werden. Die Menschen haben eine sinnvolle Arbeit, können ihr Angebot erweitern und gewinnen an Selbstvertrauen. Wir sind für unsere Kreditnehmer jederzeit da, wir stehen beratend bei Investitionen zur Seite. Wer beim Kleinkredit-Projekt mitmacht, verfolgt ein klares Ziel, bis jetzt kommen alle Kreditnehmer ihren Verpflichtungen nach; per Mundpropaganda verbreitet sich das Angebot der Caritas in den Vierteln von Alexandria.", damit führt uns Marianne zu der 52-jährigen Masreya Habeb, die mit ihren fünf Kindern von Oberägypten nach Alexandria gezogen ist.

In kleinen Schritten zum Erfolg

"Alle Kinder besuchen noch die Schule, wir produzieren Kelims, mithilfe des Darlehens von 2000 Ägyptischen Pfund können wir unser kleines Unternehmen erweitern, endlich haben wir genügend Rohmaterial. Ja, im nächsten halben Jahr wollen wir den Kredit zurückzahlen." Der Ehrgeiz, möglichst schnell die Schulden zu tilgen, begegnet uns bei allen Kleinunternehmern: "Ich will meinen Stand vergrößern, das Geschäft läuft gut, ich zahle regelmäßig zurück", freut sich ein junger Straßenhändler, Kreditnehmer der Caritas. Die Caritas Salzburg subventioniert das Kleinkreditprojekt der Caritas Alexandria in Höhe von € 24.774: eine klassische Form gelungener Hilfe zur Selbsthilfe. "Meine Arbeit macht mich stolz, ich kann es mir mittlerweile leisten, nur jene Kreationen zu entwerfen, von denen  ich wirklich überzeugt bin", zieht Salwa Zekry Bilanz.

Ich werde Kapitän

Eifrig kneten etwa 20 Buben zwischen 8 und 12 Jahren den Ton, geschickt formen sie die Figuren, die ihnen zum gestellten Thema "Am Markt" einfallen. Freilich haben sie das fröhliche Markttreiben niemals an der Hand ihrer Eltern erleben und als kleine Kunden die Fülle des Angebots genießen können. Diese Buben leben als Straßenkinder in Alexandria, Märkte kennen sie als Treffpunkte, um Arbeit und Nahrung unter den Abfällen zu finden. Die Kinder hier im Tageszentrum für Straßenkinder in Alexandria der Caritas Ägypten freuen sich jeden Morgen auf die Dusche nach ihren gefährlichen Nächten auf der Straße, sie genießen das Frühstück, die saubere Kleidung im Zentrum, die sie während ihres Aufenthaltes tragen. Manche müssen gleich am Morgen medizinisch versorgt werden:  Schlägereien, tätliche Angriffe von Banden, Gleichaltrigen oder Erwachsenen sind die Hauptursachen von Verbrennungen, Schnittverletzungen oder Verätzungen. Reda ist näher zu uns gerückt und zeigt auf sein Kunstwerk im Regal: "Das ist ein Hai, der gerade ein Kind rettet, er hat ganz scharfe Zähne. Dem Kind passiert aber nichts." Stolz hält er uns, der Salzburger Caritas-Reisegruppe seine Tonfigur hin, verkaufen will er sie nicht. "Ein Freund hat mich hierher in den Club mitgenommen, das Essen ist gut und die Betreuer sind freundlich." Reda ist wie die meisten Kinder von zu Hause ausgerissen, er zieht wie seine Freunde das Leben auf der Straße den Schlägen und Demütigungen zu Hause vor. "Die Narbe habe ich von meinem Vater, er hat mich mit einem glühenden Messer absichtlich verletzt, weil ich in die Schule gehen wollte, anstatt zu arbeiten." Der gut strukturierte Tagesablauf - Duschen, Frühstück, Lerneinheiten und Freizeitangebote - hilft auch Reda, immer öfter davon zu träumen, wieder von der Straße wegzukommen. "Ich werde einmal Kapitän, dann kann ich auch Kinder retten", vertraut uns der 8-Jährige seinen Berufswunsch an.  


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