Bericht Annerose Dünser
Manche Leser werden sich jetzt vielleicht denken: "Das Mädl kenne ich doch schon!" Das kommt daher, dass ich im Sommer 2010 mit auf dem Internationalen Friedenslager in Alexandria war und von meinen Erfahrungen dort berichtet habe. Seit diesem Camp gab es eine tiefe Verbundenheit zwischen mir und dem Nahen Osten und ich spürte, dass es für mich an der Zeit war, mich näher damit zu befassen. So war es für mich eine großartige Chance ursprünglich für sechs Monate, auf Grund der politischen Situation schlussendlich jedoch leider nur drei Monate, in Damaskus in der von der Caritas finanzierten Kinderkrippe für sudanesische Flüchtlingskinder arbeiten zu dürfen.
Mein großes Ziel war es in dieser Zeit MIT den Menschen zu sein und so viel wie möglich über ihr Leben, Denken und Handeln zu verstehen. So war es für mich sehr besonders, Freunde aus den unterschiedlichsten Hintergründen zu haben. Einer meiner Freunde ist ein irakischer Christ aus Bagdad, der Morddrohungen bekam, das Land verließ und nun schon seit mehr als einem Jahr in Damaskus wartet, um nach Kanada ausreisen zu können. So schockierend dabei ist, dass er genau wie der Rest der fast einen Million irakischen Flüchtlinge in Syrien, keine Arbeitserlaubnis hat und doch von irgendetwas leben muss. Dies hat logischerweise zur Folge, dass sehr viele Flüchtlinge unter katastrophalen Verhältnissen "hausen".
Genauso ist die Situation auch für die sudanesischen Familien, deren Kinder wir in der Kinderkrippe betreuen. In vielen Fällen ist der Vater im Sudan und die Mütter haben die volle Last der Verantwortung für ihre Kinder zu sorgen. Um den Müttern wenigstens die Möglichkeit zu geben eine billige Hilfsarbeit annehmen zu können, entstand die Kinderkrippe. Bevor es die Krippe gab hatten die Mütter keine andere Möglichkeit, als die kleinen Kinder zu Hause einzuschließen. Die Kinder litten vor allem an Hunger, an der Kälte auf Grund der Wohnsituation und der unzureichenden Kleidung,…
Nun gibt es Gott sei Dank die Kinderkrippe, die ein sicherer Ort für die Kinder ist und es den Müttern ermöglicht guten Gewissens arbeiten zu gehen.
Mein erster Eindruck als ich gemeinsam mit meiner Vorgängerin Mirjam Falch in die Kinderkrippe kam, waren offene, interessierte Kinderaugen, die sich fragten, was denn wohl mein Besuch zu bedeuten habe. Als sie dann bemerkten, dass ich wohl länger bleiben werde, wurde ich jeden Morgen mit einem herzlichen: "Anna!" begrüßt. "Ana" bedeutet auf Arabisch "ich" und so ist dieses Wort auch für die Babys eines der ersten Worte, das sie lernen. Anschließend kam eine stürmische Begrüßungsumarmung und dann starteten wir in den Tag. Für die meisten Kinder ist es ein unglaubliches Geschenk, wenn jemand Zeit für sie hat, mit ihnen lacht und Späßchen macht und so verging kein Tag, an dem wir nicht herzhaft lachen mussten. Trotz viel Freude gab es aber immer jene Kinder, die sich nicht mitfreuen konnten. Ein Junge beispielsweise hatte Zeiten, in denen er gar nicht aufhören konnte mich zu knuddeln und teilweise sogar grob wurde, weil er nicht wusste, wie er seine Zuneigung zeigen sollte. An anderen Tagen hingegen war es unmöglich an ihn heranzukommen, weil er so in sich zurückgezogen war. Da fragt man sich dann, was alles auf diese kleinen Kinderseelen einwirkt und wie alle Erfahrungen der Vergangenheit die Zukunft und Persönlichkeit prägen. An diesem Beispiel wird auch klar, wie groß unsere Verantwortung als Eltern und Pädagogen ist, besonders im Kleinkindalter. Da soll mir bitte keiner mehr sagen, dass z. B. wir Kindergartenpädagoginnen im Kindergarten "eh nur ein bisschen spielen, singen und basteln"!
Die Kinder sind in der Kinderkrippe in drei Gruppen aufgeteilt, so dass wirklich altersgemäß auf ihre Bedürfnisse eingegangen werden kann. Die Kinder sind im Alter von ein paar Monaten bis vier, fünf Jahre, bevor sie dann in den öffentlichen Kindergarten wechseln. In erster Linie bekommen die Kinder in der Krippe hygienische- und gesundheitliche Versorgung, erhalten jeden Tag ein vitaminreiches Frühstück und Mittagessen, das oft die einzige Nahrung am Tag bleibt, und sie bekommen auch die Möglichkeit sich durch Schlafen von ihren schwierigen Familiensituationen zu erholen. Doch nicht nur diese Betreuung, sondern auch die Bildung ist wesentlich. So arbeiten wir beispielsweise bei den Babys mit verschiedensten Impulsen und es ist eine große Freude zu sehen, wenn die Kinder trotz all der Schwierigkeiten normal anfangen zu sprechen, zu gehen, zu teilen, aufeinander zu schauen, sich gegenseitig zu helfen, … einfach gesagt, wenn sie sich normal entwickeln. Mir wurde auch wieder neu bewusst, wie Kinder durch Vorbildwirkung lernen. So war zu Beginn meiner Zeit gerade eine Phase, in der die Kinder sich gegenseitig schlugen, weil sie keine andere Art wussten sich auszudrücken und auch ich bekam einiges ab. Durch ein klares "Nein, ich mag das nicht" begriffen sie schließlich, dass das nicht die normale Umgangsform ist und begannen zu streicheln, vorsichtiger zu sein und z. B. auf die gerade krabbelnden Babys zu achten - so wurde aus dem groben und rücksichtslosen Verhalten ein liebevolles und zuvorkommendes Verhalten - sehr schön.
Eine tolle Erfahrung war für mich, als ich gemeinsam mit den Kindern der ältesten Gruppe ein arabisches Lied mit Gitarrenbegleitung lernte. Die Kinder lieben Musik über alles; sobald man nur schon den Radio einschaltet beginnen alle zu tanzen - das liegt ihnen wirklich im Blut. Umso spannender war es für sie, die Musik live zu erleben und natürlich sehr lustig, wie ich auf Arabisch sang. Ich hatte, während ich mich auf meinen Einsatz vorbereitete, Hocharabisch gelernt, doch in Syrien spricht man einen anderen Dialekt und ganz besonders der sudanesische Dialekt unterscheidet sich sehr vom Hocharabischen. So war es immer sehr lustig, wenn die Kinder mich korrigierten, obwohl ihnen selbst oft manche Buchstaben fehlten wie z. B. die zwei verschiedenen "R" oder die unterschiedlichen "Ds" und "Ts", … Es ist also ganz klar, dass sie ganz normale Kinder sind, die in der Kinderkrippe ihre Sorgen und Schwierigkeiten vergessen können und einfach Kind sein können.
Speziell ist, dass es auch fünf weiße Kinder in der Kinderkrippe gibt, die betreut werden. So lernen alle, sowohl die sudanesischen, als auch die irakischen und syrischen Kinder, einen offenen und vorurteilsfreien Umgang miteinander. Ich hatte nie den Eindruck, dass es irgendwelche Schwierigkeiten gab, aufgrund der anderen Herkunft. Und es ist so schön, wenn man "Milch und Schokolade" in dieser Unbefangenheit vereint sieht. Ebenso ist auch das Team Nationalitäten gemischt und trägt so auch zur Völkerverständigung bei.
Besonders schwer war für mich der Abschied von den Kindern, als ich auf Grund der schwierigen politischen Situation drei Monate früher abreisen musste und mich innerhalb von zwei Tagen wahrscheinlich für immer verabschieden musste. Viele sudanesische Familien planen wieder in den Südsudan zurückzukehren, der im Juli unabhängig werden wird. In diesem Land gibt es wirklich gar nichts und es wird den Familien noch schlechter gehen als in Damaskus. Und doch ist es einfach ihr Heimatland, wo sie hingehören. Durch diese ganze Situation als Fremde in einem anderen Land konnte ich ein bisschen nachempfinden, was es heißt von allem entfernt zu sein, was man kennt, was einem ein Gefühl von Heimat gibt. Ich schreibe bewusst nachempfinden, denn es gibt einen riesigen Unterschied: Ich kann jederzeit wieder heimkehren, was für Flüchtlinge unmöglich ist. Sie können nur warten.
In meinen drei Monaten bekam ich so viele neue Sichtweisen und Einblicke in Situationen und Thematiken, von denen man ansonsten nur hört. Doch es sind einfach Welten, wenn man hautnah erlebt, was sich z. B. eine muslimische Frau vom Land von ihrem Leben erwarten kann und wie die Unterschiede zwischen Mann und Frau wirklich sind. Ebenso ist es mit dem Thema Armut; wir wissen so viel darüber, aber wir können es wirklich erst erfassen, wenn wir es selbst gesehen und erlebt haben. Ich kann es jedem nur empfehlen sich selbst vor Ort ein Bild vom Schicksal der Flüchtlinge zu machen oder gleich vor der Haustüre bei den Flüchtlingen in unserem Land zu beginnen.
Ich bin sehr dankbar für alle Begegnungen und Erfahrungen, die mich selbst und mein Denken verändert haben und von denen ich noch lange profitieren werde. Ebenso ein großes und herzliches Dankeschön an die Auslandshilfe der Caritas Salzburg, die meinen Freiwilligeneinsatz in Syrien koordiniert und begleitet hat und auch an die Auslandshilfe der Caritas Vorarlberg, die mich in der Vorbereitung sehr gut unterstützt hat. Die Arbeit der Caritas ist wirklich sehr wertvoll und verändert Menschenleben.
Annerose Dünser



