Bericht Katharina Ben Salah

Wenn Sie, liebe Leserin/lieber Leser, diesen Bericht vor sich haben, dann bin ich bereits wieder aus dem Libanon retour in Österreich. Aber jetzt sitze ich noch im Büro des Caritas Shelter in Reyfoun und versuche die vergangenen zwei Monate Revue passieren zu lassen. Nicht einfach bei so vielen Eindrücken, so vielen Aufgaben und so vielen verschiedenen Schicksalen. Aber am besten fange ich von vorne an.
Die Fahrt vom Flughafen in Beirut hinauf in die Berge zum Shelter war noch erwartungsgemäß "arabisch" - nämlich rasant und unkomplizierten Verkehrsregeln folgend: wer zuerst kommt, der fährt zuerst. Alles danach Folgende lag zu der Zeit für mich noch im Dunkeln. Auch wenn ich von Stefan Maier, dem Leiter der Auslandshilfe der Caritas Salzburg, gut über das Projekt informiert worden war und ich mit der Leiterin des Hauses, Nancy Chehade, bereits vorab in E-Mail-Kontakt war, so wusste ich doch nicht so recht was mich alles erwarten würde.
Vielleicht noch kurz zu meiner Person: ich bin 32 Jahre alt, arbeite als Projekt Managerin und studiere Sozialwirtschaft in Linz. Mit der arabischen Kultur bin ich seit einigen Jahren gut vertraut, zudem bin ich ehrenamtlich im Asylbereich tätig und verfüge somit bereits über etwas Erfahrung in diesem Bereich.

Das Team im Shelter hat mich sehr herzlich willkommen geheißen und ich hatte zwei Wochen Zeit, um das gesamte Aufgabengebiet kennenzulernen, bevor ich meine eigenen Aktivitäten starten sollte. Also habe ich mich den Frauen des Shelters angeschlossen und mit ihnen den Näh-, den Computer- und den Englischkurs besucht. Dabei hat sich schnell gezeigt, dass der Englischlehrer mit den vielen Frauen und deren verschiedensten Levels an Sprachkenntnissen total überfordert war. Somit war meine erste Aufgabe rasch gefunden: Englischunterricht für die Anfänger - und Joseph, der Englischlehrer, konnte sich auf höherem Level besser auf seine Schülerinnen konzentrieren.
Zum Shelter sollte noch gesagt werden, dass hier Frauen aus quasi der ganzen Welt untergebracht sind. Die meisten jedoch aus Äthiopien, Bangladesch, Madagaskar und den Philippinen. Sie kamen in den Libanon um hier zu arbeiten - mit dem verdienten Geld unterstützen sie die zurückgelassenen Familien. Diese sind auf das regelmäßig geschickte Geld angewiesen, um die Lebenskosten bestreiten zu können, kranke Familienmitglieder zu versorgen und die Kinder zur Schule zu schicken. Jedoch verlief für manche der geplante Aufenthalt nicht wie gewünscht: sie wurden misshandelt und/oder ausgebeutet und wandten sich deshalb an die Caritas im Libanon

Viele ihrer Geschichten sind sehr berührend. Zum Beispiel ist mir Charlene aus Kenia sehr ans Herz gewachsen. Ich war bei ihrer "Aufnahme" im Büro, sie hatte keine Tasche dabei und nur die Kleider, die sie trug. Es war ein sehr turbulenter Tag, niemand hatte Zeit für sie, daher hab ich mich zu ihr gesetzt und sie hat mir ihre Geschichte erzählt. Ihr Arbeitgeber ließ sie Tag und Nacht arbeiten, verlieh sie an Bekannte und schlug sie. Einmal konnte sie kurz entwischen und ihren Vater anrufen, der ihr riet zur kenianischen Botschaft zu gehen. Sie flüchtete und mit Hilfe von Leuten auf der Straße erreichte sie ihr Ziel. Da saß sie nun, mit Narben auf den Armen und Beinen, erzählte mir, dass ihr Vater gar nicht wüsste, ob sie noch lebte, aber sie glaube fest an Gott und dass er ihr helfen würde. Nur um eine Bibel hat sie mich gebeten, weil die ihre musste sie beim Arbeitgeber zurücklassen. Und um einen Anruf an ihre Familie. Die Bibel konnte ich ihr leihen, den Anruf konnte ich leider bis heute nicht ermöglichen. 
Nur Frauen, die über Geld verfügen, haben die Möglichkeit Telefonanrufe zu tätigen. Eine Tatsache, die mich bis heute schmerzt. Es wäre wirklich eine Kleinigkeit, ihr einen Telefonanruf aus meiner eigenen Tasche zu bezahlen. Aber es wäre den anderen Frauen gegenüber nicht fair und nicht zu argumentieren. Telefonate für alle im Shelter kann ich dann leider auch nicht übernehmen. Zudem ist dies nicht wirklich das Nötigste, an dem es fehlt. Viel dringender wären etwa Spielsachen für die Kinder. Manche der Frauen haben Babys - die sind noch relativ leicht zu unterhalten.
Neben den Arbeitsmigrantinnen haben wir aber auch Frauen, die mit ihren Kindern aus dem Irak geflüchtet sind und nun hier im Libanon einen Antrag auf Asyl gestellt haben. Der Libanon ist allerdings nur ein Transitland für Flüchtlinge, da das Land die Genfer Konventionen betreffend Flüchtlinge nicht ratifiziert, also bestätigt hat. Das heißt für die irakischen Familien, dass sie im Libanon keine Aufnahme finden, sondern in ein anderes Land vermittelt werden müssen. Dies passiert durch den UNHCR (United Nations High Commissioner for Refugees - Hohes Flüchtlingskommissariat der Vereinten Nationen) und ist mitunter sehr zeitaufwändig.

 

Für die Frauen und Kinder bleibt also nichts anderes als zu warten. Die Tage vergehen langsam, wenn man kaum zu tun hat und sie müssen sehr viel Geduld aufbringen. Nur wenig lenkt sie davon ab, an die zurückgelassene Heimat und an die ungewisse Zukunft zu denken. So werden alle gebotenen Aktivitäten sehr dankbar angenommen. Man kann sich die große Freude über den neuen Fitnessraum, der durch die Caritas Salzburg dank einer Spende der österreichischen Botschafterin im Libanon ermöglicht wurde, kaum vorstellen. Es ist nicht nur eine willkommene Abwechslung, sondern für viele auch die einzige Möglichkeit, überschüssige Energien abzubauen. So kann sogar ein Laufband ein kleines Stückchen Freiheit bieten.

Es gäbe noch so viel zu erzählen! Von Kindern, die so gerne lernen, aber nicht zur Schule gehen können, weil sie "Papiere" haben. Von der Freude über Stickgarn und Handarbeitsmaterial. Von Glückwünschen und Tränen, wenn eine der Frauen endlich in ihr Heimatland abreisen darf. Von Sorgenfalten beim Anblick der schon wieder zu kleinen Schuhe der Kinder… 
Und natürlich vom Team der Caritas Reyfoun, die hier wirklich Großartiges leisten! Sie sind dem Ansturm an Arbeit oft kaum gewachsen und holen doch aus allem das Beste heraus. Mir bleibt nur zu wünschen übrig, dass sich das Shelter weiterhin so positiv entwickelt, dass dem Team nicht der Atem ausgeht und es in Österreich weiterhin tatkräftige Unterstützung findet.

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