Bericht von Karin Ludwig
Dass die arabischen Länder immer einiges an Überraschungen zu bieten haben, weiß ich mittlerweile, aber das diesjährige Friedenscamp - das nunmehr dritte, an dem ich teilgenommen habe - hat alles bisher dagewesene in den Schatten gestellt. Nach ein paar Tagen in Beirut fuhr ich per Bus mit einigen der libanesischen Betreuern und Lagerleiter Stefan Maier von der Caritas Salzburg über Syrien nach Jordanien; diese Reise stellte sich als relativ unproblematisch dar, da die Geheimdienstler an der syrisch-jordanischen Grenze uns aufgrund diverser Empfehlungsschreiben wohl für ziemlich ungefährlich hielten.
Das Wochenende verlief harmonisch mit diversen Vorbereitungsarbeiten: das eingespielte Team übte sich im Basteln und Anmalen diverser Dekorationsgegenstände, bis die jemenitische Gruppe als erste der teilnehmenden Delegationen nach einem wahren Reisemarathon am Montag, den 10. Juli in der Früh bei uns ankam.
Schneller als vorhergesehen trafen auch die jordanischen Kinder ein, und Anna (die zweite österreichische Freiwillige) und ich übten uns im Kinder-zu-ihren-Betten-Zuteilen, was sich wie immer als schwierig herausstellte, als diverse Mädchen mit Schrecken feststellten, dass es sich bei ihren Bettnachbarinnen um keine Landsmänninnen handelte. Da trocknet man zu Beginn schon mal Tränen des Entsetzens - aber was tut man nicht alles im Namen der Völkerverständigung, wenn man genau weiß, dass drei Wochen später die vorher einander misstrauisch gestimmten Mädchen sich, vor Trennungsschmerz weinend, in den Armen liegen werden? Da sieht man wieder einmal, was drei Wochen gelebte Gemeinschaft alles bewirken können, wenn man nur ein bisschen nachhilft...
Die Hiobsbotschaft vom Kriegsausbruch im Libanon erreichte mich per Fernseher. Als ich am Bildschirm den bombardierten Flughafen in Beirut sah, dachte ich zunächst an einen schlechten Scherz. Wenige Tage zuvor war ich dort gelandet und sollte am 15. August auch von dort wieder zurückfliegen. Was das ganze Geschehen aber so hautnah an uns herantrug, war die Betroffenheit der libanesischen Teammitglieder, deren Heimat in ihrer Abwesenheit immer mehr einem Schlachtfeld glich. Alles andere rückte mit einem Mal in den Hintergrund angesichts dieser Katastrophe, der jeder hilflos gegenüberstand (außer der ewig telefonierende und Katastropheneinsätze koordinierende Stefan). Deswegen an dieser Stelle ein riesengroßes Kompliment an die am Lager beteiligten Libanesen: ihr wart spitze und ich bewundere euer Durchhaltevermögen und euren guten Willen, den ihr selbst unter widrigsten Umständen unter Beweis gestellt habt! Vor allem die Aufgabe, die schreckliche Nachricht vom Krieg vor den betroffenen Kindern drei Wochen geheim zu halten, damit diese ein unbeschwertes Ferienlager verbringen können, habt ihr bravourös gemeistert. Hut ab! Natürlich gab es Tränen, besorgte Anrufe, Rückkehrgedanken, aber durchgehalten habt ihr bis zum Schluss, auch wenn euch die Anstrengung oft anzumerken war und die Leichtigkeit früherer Friedenslager einer etwas bedrückenden Atmosphäre Platz machen musste.
Durch die Gestaltung des österreichischen Nationalabends zusammen mit Anna hatte ich das Gefühl, so richtig etwas zum Lagerprogramm beizutragen - also hat es sich gelohnt, dass sich eine eingefleischte Trachtengegnerin ein Dirndlkleid hat schneidern lassen, um den Kinder im Nahen Osten einen Hauch Alpenexotik zu bieten! Obwohl ich zugeben muss, dass es einiges an Überwindung kostet, vor einem etwas irritierten Publikum einen Behelfsjodler hinzulegen. Aber darum geht es schließlich auf diesem Friedenslager: Grenzen überwinden um zueinander zu finden ...
Sehr zu Bewusstsein gekommen ist mir (aufgrund meiner Beschäftigung mit Vorurteilen bezüglich Straßenkindern), welche Vorbehalte der Durchschnittseuropäer gegenüber Irakern oder Palästinensern hat, wenn er keine kennt! Wer aber am Lager teilnimmt und Kinder wie Mario oder Fadi erlebt, der wird verstehen, dass in den arabischen Ländern nicht nur religiöse Fanatiker, sondern vor allem auch Kinder leben, die genauso wie die unseren ein Recht auf Zukunft haben; der wird verstehen, dass der Orient als Feindbild genauso eine Konstruktion ist wie der Orient als ein Märchen aus 1001 Nacht. Was wir alle brauchen, wäre ein bisschen mehr Realität, ein bisschen mehr Begegnung, ein bisschen weniger Angst voreinander.
Deswegen bin ich persönlich stark dafür, gerade in Zeiten wie diesen, in denen sich die Fronten verhärten und damit leider auch die Menschen, dass eine Initiative gestartet wird, die arabisch-europäische Kontakte fördert und ein Zeichen für den Frieden setzt (wie genau, weiß ich leider noch nicht so ganz), ganz im Sinne des Caritas-Friedenslagers: ins Wasser fällt ein Stein, aber wir unbeugsamen Campteilnehmer wissen ja tief in uns drinnen, dass auch noch so kleine Steine weite Kreise ziehen!
Karin Ludwig
Österreichische Freiwillige beim Caritas-Friedenslager in Jordanien 2006


