Bericht von Annerose Dünser
Per Zufall entdeckte ich im Vorarlberger Kirchenblatt einen kleinen Artikel über das Internationale Nahostfriedenscamp der Caritas 2009 im Libanon und las auch vom geplanten Camp in Ägypten. Es faszinierte mich, dass es ein so internationales Camp war und ich spürte sofort, dass das etwas für mich sein könnte. Daher setzte ich mich mit Stefan Maier, dem Leiter der Caritas Auslandshilfe in Salzburg, in Verbindung und wir vereinbarten ein Treffen in Salzburg, bei dem er mir Hintergründe und viele Informationen über das Camp gab. Er entschied auch, dass ich als freiwillige Volontärin am Camp teilnehmen darf und ich freute mich riesig über diese große Chance so viel Neues zu erleben und zu entdecken.
Am 12. Juli 2010 war es dann so weit: Ich flog nachts von München nach Kairo und machte gleich meine erste Erfahrung mit der zuvorkommenden Gastfreundschaft der Ägypter. Es war nämlich so, dass ich in München einem älteren Ehepaar ein Gepäckstück mitgenommen hatte, weil sie zu viel Gepäck hatten und ich noch genügend Gewicht übrig hatte. So fragten sie mich, was ich denn in Ägypten machen würde und schließlich auch, wie ich von Kairo nach Alexandria komme. Ich wusste es nicht genau und so nahmen sie mich mit dem Auto drei Stunden mit zu ihnen nach Hause, wo ich mein erstes arabisches Frühstück genoss. Mein erster Eindruck auf der Autofahrt war unglaublich - so viele braune Häuser, wunderschöne Kirchen und Moscheen, so viele Menschen auf der Straße, verrückter Verkehr, in dem es keine Regeln zu geben schien außer zu hupen und zu fahren, …
Ich lernte dann in Alexandria gleich die ganze Familie kennen, sie zeigten mir die Stadt und wollten sogar, dass ich während des Camps bei ihnen übernachte. Die Gastfreundschaft ist also wirklich sehr herzlich und offen - ich kenne nicht viele Leute in Österreich, die ein wildfremdes Mädchen spontan einladen würden, drei Wochen bei ihnen zu wohnen. Am Abend brachten sie mich schließlich ins Kloster Tito der Barmherzigen Schwestern, wo ich herzlich empfangen wurde.
Am nächsten Nachmittag kamen die 99 Kinder mit Begleitpersonen aus Libanon, Syrien, Jordanien, Irak, Palästina, Jemen, Ägypten und Sudan im Kloster an. Die Kinder waren im Alter von 10 bis 13 Jahre und zwei Drittel waren Mädchen, ein Drittel Jungen. Diese Vorgabe ist nötig, weil ansonsten nur Jungs auf dem Camp wären - das alleine zeigt schon die Stellung von Mädchen bzw. Frauen. Am ersten Abend erschrak ich als erstes bei der Markierung der gesamten Kleidung der Kinder, weil mir bewusst wurde, dass das wirklich ALLES ist, was die Kinder besitzen und viele Dinge waren neu gekauft von den verantwortlichen und vermittelnden Organisationen. Es war auch der erste Moment, in dem ich mir sehnlichst wünschte Arabisch zu sprechen, um die Kinder kennenzulernen und zu trösten, die das erste Mal in ihrem Leben ihr Land und ihre Familien verlassen hatten. Es war alles neu für sie und besonders die Tatsache, dass nie zwei Kinder von derselben Nation nebeneinander schlafen durften, führte zu Diskussionen. Doch das war ein erstes Mittel, um die Kinder zum Kontakt und zur Kommunikation mit den anderen Teilnehmern der anderen Nationalitäten zu bringen. Ebenso die Einteilung in Teams zu je 10 Kindern, die ebenfalls bunt durchgemischt waren. In diesen Teams aßen wir gemeinsam, verrichteten wir unsere Dienste wie Tisch decken, abwaschen, Tische putzen, etc., hatten gemeinsam Sport, unternahmen Ausflüge und hatten unsere Basteleinheiten.
Die Teams waren auch wesentlich für die Vertiefung der Trainingseinheiten zum Thema Hygiene, friedlichen Umgang miteinander z. B. durch sprachliche Konfliktlösungen, Ausdruck von eigenen Gefühlen, Wertschätzung der anderen Kulturen, Respekt der anderen Religion, und vieles mehr. Wir diskutierten mit den Kindern, gestalteten Plakate, lernten Lieder oder Sketche zu den Punkten, die für die Kinder besonders wichtig waren. Wesentlich war vor allem die anschließende Präsentation von dem, was jedes Team erarbeitet hatte, vor der ganzen Gruppe. Die Kinder sollten dadurch lernen sich und ihre Meinung auszudrücken, selbstbewusst vor einer größeren Gruppe zu sprechen und auch die gelernten Inhalte nochmals zu hören und zu verinnerlichen.
Aus meiner Sicht hat sich dadurch das Verhalten der Kinder sehr geändert. Zu Beginn des Camps gab es viele Konflikte bezüglich Hautfarbe der anderen, Religion und den Vorurteilen gegenüber den anderen und auch Probleme in der Verständigung zwischen den doch sehr verschiedenen arabischen Dialekten. Auf Grund ihres starken Temperamentes wurden auch die Konflikte hauptsächlich mit körperlicher Gewalt ausgetragen. Dies alles veränderte sich grundlegend und am Ende des Camps erkannte man die Kinder fast nicht wieder.
Eine andere faszinierende Veränderung fand im Sozialverhalten statt. Zu Beginn schaute beim Essen jedes Kind darauf, dass es ja genug zu Essen bekam. Sie nahmen viel mehr, als sie wirklich Hunger hatten - es könnte ja sein, dass es für längere Zeit reichen muss. Doch nach einigen Tagen lernten sie einzuschätzen, wie viel sie essen konnten und sie begannen nicht als erstes auf sich zu schauen, sondern entwickelten einen Blick für die anderen Kinder. Besonders beeindruckt war ich, als ich eines Tages einen Jungen beobachtete, der sah, dass kein Wasser mehr da war. Er stand auf, holte Wasser, schenkte allen anderen Kindern ein und als letztes sich selbst. Damit ahmte er genau das Verhalten von meiner Teamkollegin und mir nach und das hat mich echt berührt und mir gezeigt, dass ich ohne große Worte viel verändern kann.
Die Kommunikation allgemein war für mich in Englisch. Meine Teamkollegin und ein Großteil des Teams sprachen gut Englisch und auch einige Kinder konnten manche Wörter und Sätze auf Englisch. Ich meinerseits erfragte bei jeder Gelegenheit die arabischen Wörter und die Kinder hatten die größte Freude mich immer wieder auszufragen, mir neue Wörter beizubringen und über meine falsche Aussprache zu lachen. Eine besondere Freude war es für mich, als mir eine Ordensschwester lernte meinen Namen in Arabisch zu schreiben. Ich fühlte mich wie ein sechsjähriges Mädchen in der Volksschule, das dauernd fragt, ob dieser Strich so richtig ist.
Ein weiterer wichtiger Punkt im Camp waren die Ausflüge. Wenn die Kinder nach Hause kommen, können sie sagen, dass sie die Pyramiden und die Sphinx gesehen haben, im ägyptischen Museum verschiedenste Statuen, Büsten aus Gold und Schmuck gesehen haben, auf dem Nil mit dem Schiff gefahren sind, in Alexandria in der Zitadelle und der Bibliothek waren, auch im Schwimmbad und am Meer baden waren, in Funparks viel Spaß hatten, im Zirkus Löwen und Tiger gesehen haben, bei McDonalds gegessen haben, … Es war wirklich ein sehr abwechslungsreiches Programm und für die meisten Kinder war dies das erste und einzige Mal in ihrem Leben, dass sie so etwas erlebt haben.
Was mich sehr beeindruckt hat waren die Nationalabende, an denen jede Nation typische Lieder, Tänze, Sketche, … aufführte, ihre Hymne sang und an denen es auch ein Mittag- oder Abendessen aus diesem Land gab - sehr lecker. Es war so schön zu sehen, wie stolz die Kinder auf ihr Land sind, wie sie sich freuen, etwas von ihrer Kultur zu zeigen und auch wie wichtig es ist, dass sie vorne im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen und spüren, dass sie wichtig und anerkannt sind. Der Höhepunkt war dann der Internationale Abend, an dem Sponsoren und Förderer des Camps eingeladen waren. Es gab ein "best of" der Nationalabende auf einer richtigen Bühne und die Sponsoren konnten wirklich die Früchte ihrer Großzügigkeit sehen und wir natürlich die Früchte unserer Arbeit mit den Kindern.
Sehr schwer war nach drei Wochen intensiver Nähe der Abschied für die Kinder. Sie weinten und schliefen zusammen in einem Bett, sie flochten sich nochmals gegenseitig die Haare und die tiefe Einheit und der Friede untereinander war so spürbar. Ein paar Tage nach dem Camp sah ich ein Müllviertel in Kairo und wie die Menschen dort lebten und ich konnte die Tränen der Kinder noch viel tiefer verstehen und nachempfinden.
Es war für mich eine großartige und sehr bereichernde Erfahrung und ich möchte Stefan Maier ganz herzlich für seine Hingabe an diese Kinder und die tolle und jahrelange Arbeit für die Ärmsten der Armen danken. Vergelt’s Gott!
Annerose Dünser



